Kultur : Soul Eyes

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

einen Revolutionär am Piano

Vor einem Jahr spielte Mal Waldron , der Anfang des Monats im Alter von 77 Jahren starb, zusammen mit dem Saxofonisten Steve Lacy im New Yorker Lincoln Center noch einmal ganz viel Monk. Thelonious Monk, der große Revolutionär des Jazzpianos, war bis zum Schluss Waldrons große Inspirationsquelle. An über 200 Platten hat Waldron maßgeblich mitgewirkt, fast 80 Veröffentlichungen unter eigenem Namen hat er selbst zu verantworten. Unter Leitung des Bassisten Charles Mingus fand eine seiner ersten wichtigen Aufnahmen mit dem Jazz Composers Workshop statt, datiert mit dem 31. Oktober 1954. Zwischen 1957 und 1959 begleitete er die Sängerin Billie Holiday, und er spielte mit dem Saxofonisten John Coltrane. Ihm widmete er auch seine bekannteste Komposition, „Soul Eyes“, die zu einem viel interpretierten Standard des modernen Jazz geworden ist.

Prägnante Bassfiguren und Akkordfortschreitungen, die nach Einsamkeit klingen, ohne auf den Mitleidsapplaus zu setzen, kennzeichneten Waldrons Personalstil von Anfang an. Waldron beherrschte die Kunst der Wiederholung und einen perkussiv orientierten Anschlag, sich selbst hat er als Schlagzeuger bezeichnet, der Klavier spielt. Mitte der sechziger Jahre verließ Waldron die USA, lebte zunächst in Paris, ab 1967 in München und schließlich seit 1991 in Brüssel. Er hat die Kunst des Zusammenspiels mit einem Gespräch verglichen, Musik als Sprache, die auf überlieferten Techniken und einem historisch verankerten Wortschatz basiert. Das musikalische Vokabular des Jazz war für ihn immer sehr wichtig, in zahlreichen DuoEinspielungen – wie auch mit dem indianischen Saxofonisten Jim Pepper – kam die so begründete Freiheit der Improvisatoren voll zum Tragen. Neben einer CD mit Steve Lacy, „One More Time“ (Harmonia Mundi), sind gerade zwei Duo-CDs mit Waldron erschienen, mit der Sängerin Judi Silvano , „Riding A Zephyr“ (Soul Note), und mit dem Saxofonisten Archie Shepp , „Left Alone Revisited“ (Enja). Diese erste gemeinsame Aufnahme von Shepp und Waldron ist Billie Holiday gewidmet und eine der besten CDs des Jazz-Jahres. Jazz At Lincoln Center hat jetzt gerade eine großartige Interviewsendung mit Waldron und Lacy ins Netz gestellt, in der auch Ausschnitte aus dem New Yorker Duokonzert der beiden zu hören sind. Über www.jazzradio.org ist die Sendung jederzeit online anhörbar.

Ein weiterer Abschied steht diese Woche noch bevor – nach 33 Jahren wird der Jazzkeller Treptow abgewickelt. Das letzte Konzert hat den Titel „ The Ornette Coleman Stuff “ und bezieht sich auch auf den Oktober 2000, als dieses Uli-Gumpert-Projekt im Jazzkeller zum ersten Mal stattfand. Damals war noch der Bassist Klaus Koch dabei, der kurz darauf starb. Ihm ist das Konzert mit Gumpert, Piano, Luten Petrowsky, Saxofon, Jan Roder, Bass, und Michael Griener, Schlagzeug, gewidmet. „The Ornette Coleman Stuff“ gibt es am Freitag um 21 Uhr. Danach ist der Keller dicht, mehr Programm vom Kellerverein gibt es im neuen Jahr an anderen Spielorten.

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