Soul-Sänger Lee Fields in Berlin : Die Seele des tiefen US-Südens

Richtig entdeckt wurde Lee Fields erst in einem Alter, in dem andere in Rente gehen - dafür wurde er gleich zum Star. Jetzt huldigten dem Soul-Sänger die Fans in Berlin.

Volker Lüke
Lee Fields.
Lee Fields.Foto: promo

Die Wogen der Verzückung zum Mauerfall-Jubiläum sind kaum geglättet, da kommt ein Gefühlsbeschwörer ins rappelvolle Bi Nuu, der sein Publikum mit busenwarmem Pathos zum Ausrasten bringt: „Are you happy?“. Wahnsinn!

Glücksbringer Lee Fields, 63-jähriger Soul-Veteran, hat einst seine Platten nach Konzerten aus dem Kofferraum seines Autos verkauft, bevor ihn vor zwölf Jahren jene jungen Hipster-Fans Brooklyns für sich entdeckten, die auch Sharon Jones und Charles Bradley noch kurz vor ihrer Rente zu Stars gemacht haben. Seit 2009 hat der Mann aus North Carolina mit seiner Backing Band The Expressions drei Alben veröffentlicht – echter Schmirgel-Soul ist das, der an die Sechziger und frühen Siebziger anknüpft, an James Brown, Otis Redding oder Wilson Pickett. Wie wohltuend weit weg ist das von dem blutleeren R&B-Zeug, das seit Jahren als Soul angepriesen und verkauft wird! Nein, hier greift die Musik noch ins Herz und bringt die Seele des US-Südens ins Schwingen.

Lee Fields, ein heißblütiger Gentleman

Auf der Bühne präsentiert sich der „Soul Surviver“ als heißblütiger Gentleman: Umwerfend, wie er im silbergrauen Anzug zum Mikro schreitet und mit oberflotten Tanzeinlagen glänzt. Noch schöner, wenn er dann erschütternde Balladen wie „Don’t leave me this way“ anstimmt oder anderweitige Übel beklagt: „It’s a sad sad world when money is king.“ Dann entsteigt dem Hals unvermittelt ein verzweifeltes und stolzes Wimmern und Aufschreien, während die Expressions ihren Sänger mit stolzer Eleganz zur Höchstleistung anspornen. Die sechs halb so alten Musiker schaffen mit knappen Bläsersätzen, Orgel, Gitarre, Bass und Schlagzeug einen wunderbar altmodischen Brodelsound, der vom brennenden Gospel-Funk bis zum schmusigen Deep-Soul reicht.

Keinen Augenblick reduziert der Mann die Intensität seines Auftritts. Dabei ist die Figur des von Emotion zerrissenen Sängers, der selbstverloren und schweißgebadet in seinen Liedern aufgeht, heute nicht mehr selbstverständlich. Aber diesem Apostel der Glaubwürdigkeit gelingt es tatsächlich, das sich die krisengeschüttelte Welt zumindest im Kopf der Zuhörer verschönert, zumindest für die 60 Konzertminuten. Da singt einer, der an das glaubt, was er da singt.

 

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