Soulages-Retrospektive im Martin-Gropius-Bau : Das schwarze Leuchten

Meister der abstrakten Malerei: Pierre Soulages und seine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau.

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Jenseits der Farbe. Pierre Soulages vor einem seiner Gemälde. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Jenseits der Farbe. Pierre Soulages vor einem seiner Gemälde. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eine erste Begegnung mit dem Maler Pierre Soulages kann an die Erfahrung erinnern, die man beim Betrachten seiner Bilder macht. Zunächst ist nur viel Schwarz zu sehen. Doch dann blitzt ein Lichtreflex auf, und die undurchdringliche Fläche löst sich auf in eine Vielfalt von Strukturen, Spiegelungen, Erhebungen, ein schwebendes Ganzes, das nie seine Wucht verliert. Dieses erste Strahlen verkörpert Pierre Soulages’ Frau Colette, klein und zierlich, mit ihren 89 Jahren eine bildhübsche Frau. Sie entdeckt die Wartenden, geht auf sie zu, während der Maler sich noch, abgewandt mit seinen Assistenten, über die Höhe für die Hängung seiner Bilder im Martin-Gropius-Bau berät. Und schon verschwindet dieser Lichtpunkt aus dem Bild. Pierre Soulages kommt heran, vollständig in Schwarz gekleidet – und doch nichts von Verschlossenheit, mönchischer Strenge, wie man sie erwarten könnte.

Der 90-jährige Maler ist höchstpersönlich angereist, um die Verteilung seiner Bilder in den Sälen zu bestimmen und die Beleuchter zu instruieren. In Berlin nun ein letztes Mal für seine von Paris aus reisende Retrospektive, die das Centre Pompidou zu seinem runden Geburtstag 2009 ausgerichtet hat. Soulages gefällt dieses Finale, denn für ihn schließt sich damit ein Kreis. Deutschland war für ihn in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre der Start seiner Karriere; hier gelang ihm der internationale Durchbruch. Obwohl jüngster Teilnehmer, zierte er mit 1947 mit seinem Motiv das Plakat der Ausstellung „Französische abstrakte Malerei“, mit der die Deutschen erstmals nach dem Krieg die neuen Kunstrichtungen Informel und Tachismus kennenlernten. Arnold Bode lud den Nachwuchskünstler prompt zur ersten Documenta ein. Heute ist Soulages der letzte lebende Künstler dieser legendären Anfänge in Kassel.

Für die Berliner Retrospektive wurde das Plakat nun wieder hervorgeholt. Es hängt im ersten Ausstellungsraum, leicht vergilbt und mit deutlichen Knickspuren. Das Motiv zeigt heftige Pinselschwünge in tiefem Schwarz. Damals malte Soulages mit Walnussbeize. Als Arbeitsmaterial besorgte er sich im gewöhnlichen Farbgeschäft Wandpinsel und Rollen. Noch bevor der Begriff erfunden war, produzierte der Maler Arte Povera. Rundum hängen Beispiele dieser Phase. Auf grobem Papier und Glasscheiben probierte der junge Künstler die Möglichkeiten dieser neuen Technik aus.

Bis heute erfüllt ihn mit Stolz, dass Francis Picabia seinen Beitrag im „Salon des Surindépendants“ 1947 in Paris als das beste Werk bezeichnete. Und immer noch erzählt er gerne die Geschichte, wie der alte Picabia bei einer späteren Begegnung dem Nachwuchskünstler prophezeite: „In Ihrem Alter und mit dem, was Sie machen, werden Sie bald viele Feinde haben!“ Und, behielt Picabia recht? Nein, lacht Soulages. Irgendwann hat er dann erfahren, dass Pissarro das gleiche zu Picabia als junger Mann gesagt haben soll. Auf diese Art wurde die Fackel der Avantgarde weitergereicht.

Soulages selber hat nie einen Nachwuchskünstler mit einem solchen Ritterschlag beehrt. Dafür war er zu sehr mit seinem eigenen „Weg“ beschäftigt, wie er es nennt. Gruppenbildungen sind ihm ein Graus. Beim Stichwort „Ecole de Paris“ verzieht er das Gesicht. Auf seinen Weg stieß er allein. Noch heute erinnert sich Soulages daran, wie er 1967 stundenlang missmutig an einem schwarzen Bild malte. „Bin ich Masochist?“, fragte er sich irgendwann frustriert und legte den Pinsel weg, um zu schlafen. Beim Erwachen sah er die Lichtreflexe auf der Leinwand und erkannte, dass er nicht Dunkelheit, sondern Helligkeit geschaffen hatte. „Erst in dem Moment habe ich begriffen, was passiert war: Ich hatte nicht mit Schwarz gemalt, sondern durch die Reflexionen der Farbe das Licht gemalt. Für mich eröffneten sich dadurch unermessliche Möglichkeiten.“

Fortan sah Soulages seine Malerei mit anderen Augen, betrachtete das Bild nicht mehr als Fenster zu einer anderen Wirklichkeit, sondern als Gegenüber, auf dem sich etwas Eigenes abspielt. Auch aus diesem Grund hängen seine großen massiven Bilder mit den feinen Schraffuren und tiefen Furchen, die in den letzten Jahren entstanden, häufig nicht mehr an der Wand, sondern sind an Stahlseilen zwischen Decke und Boden gespannt.

Im Hauptsaal des Gropius-Baus hängen gleich drei riesige vierteilige Tafeln mitten im Raum und flößen Respekt ein. Religiöse Gefühle, spirituelle Erfahrungen will der Existenzialist Soulages trotzdem nicht vermitteln, auch wenn er von „Outrenoir“ spricht, was sich als „jenseitiges Schwarz“ übersetzen lässt. „Ich meine damit ein mentales, kein physisches Phänomen“, sagt er. Also doch Metaphysik? Der Künstler hält mit seiner Definition von Malerei dagegen: „Malerei ist ein Feld, auf dem sich Formen organisieren und wieder auflösen. Es ist eine Sache, eine ,chose’. Jeder interpretiert seine eigenen Intentionen hinein. Ich will den Betrachter nur dazu bringen, wie der Maler alleine mit dem Bild zu sein.“

Trotzdem nahm er den Auftrag an, die Fenster einer romanischen Kapelle unweit seines südfranzösischen Heimatortes Rodez zu gestalten. Nicht in Schwarz, wie man erwarten könnte, sondern in einem opaken, weißlichen Schimmer. Erst in dem Moment, in dem das Licht durch die Fenster fällt, beginnen sie zu schimmern. Das Licht lässt die Farbe entstehen, von innen bläulich, von außen orange-rot, je nach Sonnenstand. Damit hat Soulages seine Philosophie vom Schwarz, in dem alle anderen Farben aufgehen, in eine andere Materialität übertragen. Noch immer staunt er darüber, für das Kloster von Conques ein Glas entwickelt zu haben, das alle Farben in sich vereint: „So war das immer in meinem Leben, während meiner gesamten Laufbahn. Ich bin einfach offen für alles, was da kommt. Ich habe keine Theorie oder Erwartung.“

Ein Gottesgeschenk, könnte man sagen. Fragt man den Neunzigjährigen, der noch immer jeden Tag ins Atelier geht, was ihn weiter suchen lässt, so antwortet er mit blitzenden Augen: „Le désir“, die Leidenschaft. Schon als Kind hatte er die Kraft des Schwarz entdeckt, intuitiv, als er ein Schneebild malte, bei dem die Kontraste sich gegenseitig steigerten. Bis heute hat sich daran wenig geändert.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 17. Januar; Mi.–Mo. 10–20 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 29,90 €.

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