Soulmusiker Solomon Burke : Jeder braucht einen zum Liebhaben

Dem großen Soulmusiker Solomon Burke zum 70.

Jörg W,er

Die schönste der zahllosen Geschichten über Solomon Burke ist die mit dem Popcorn. Mit dessen Verkauf wollte der Soulsänger in den frühen Sechzigern im New Yorker Apollo Theater Kasse machen. Doch er verschätzte sich in der Menge und musste dann mit einem Lastwagen voller Popcorntüten durch Manhattan hausieren, um das Zeug loszuwerden. Oder ist die Geschichte die schönste, in der er mit seiner eingeschüchterten Band irgendwo in Mississippi vor 30 000 Ku-Klux-Klan-Anhängern auftritt und diese so begeistert, dass er eine zweite Show gibt? Wenigstens musste er da nicht bandagiert wie eine Mumie spielen, um seine schwarze Hautfarbe zu verbergen, wie bei einem anderen Konzert im rassistischen Süden der USA. Anrührend ist auch die Story, dass seine Großmutter 12 Jahre vor seiner Geburt von ihm geträumt habe, was sie dazu veranlasste, eine Kirche zu gründen. Jene „House of God for all People Church“, deren Oberhaupt Burke bis heute ist.

Wie kaum ein anderer Popmusiker hat Solomon Burke zur eigenen Legendenbildung beigetragen. Seine von Zeitzeugen als fantasievoll beschriebenen Selbstauskünfte spiegeln dennoch sein bewegtes Lebens. Als Sohn einer Priesterin und eines farbigen Juden wurde er 1940 in Philadelphia geboren und machte im Knabenalter als „Wonder Boy Preacher“ auf sich aufmerksam, ehe er mit 15 erste Singles aufnahm. Als er später, frustriert vom ausbleibenden Erfolg, seinen Plattenvertrag kündigte und einen Boykott anderer Firmen fürchtete, gründete er – noch keine 20 – ein Bestattungsunternehmen, das zu einem lukrativen Familienimperium wuchs. Erst beim renommierten R’n’B-Label Atlantic schätzte man das Potenzial von Solomon Burke richtig ein: Produzent Jerry Wexler wurde zu seinem Mentor und ermöglichte ihm aufwändige Studiosessions. Burke bedankte sich mit einer Reihe von Hits wie „Cry to me“, „The Price“ und dem Evergreen „Everybody needs somebody to love“. Ähnlich wie Ray Charles blieb Burke ein Wanderer zwischen den Welten, der mit gleicher Leidenschaft inbrünstige Soul-Shouter, Country-Schmalz oder andächtige Gospel-Balladen intonierte.

Im Gegensatz zu Sam Cooke, Otis Redding oder Marvin Gaye hat Solomon Burke nie den weißen Pop-Markt geknackt. Aber da die Musikerkarriere nur ein Aspekt seiner umfassenden Aktivitäten war, hat sein Ego darunter nie gelitten. Andererseits wollten 21 Kinder von verschiedenen Frauen versorgt sein, weshalb Burke nie ganz von der Bildfläche verschwand. Belohnt wurde er 2002 mit dem Grammy-gekürten Comeback-Album „Don’t give up on me“, für das ihm Stars wie Bob Dylan, Van Morrison oder Tom Waits neue Songs auf den kolossalen Leib schrieben. Und während Sam, Otis, Marvin und andere große R’n’B-Sänger, die in den Sechzigern das Selbstbewusstsein der afroamerikanischen Musik neu definierten, längst in den Soul-Himmel abberufen wurden, gibt Burke immer noch Konzerte, deren Intensität ihresgleichen sucht. Heute feiert Solomon Burke seinen 70. Geburtstag. Falls er uns da nicht wieder einen Bären aufgebunden hat. Jörg Wunder

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