Kultur : Sound im Getriebe

Berlin hat die aufregendste Orchesterlandschaft der Welt – und Krach hinter den Kulissen

Frederik Hanssen

Es ist nur ein winziger Schritt, eine atmosphärische Nuance, die aus einem guten Konzert einen unvergesslichen Abend macht. Wenn Dirigent und Musiker plötzlich auf eine höhere Ebene der Kommunikation vorstoßen, wenn sie, wie Claudio Abbado das nennt, abheben und gemeinsam fliegen, spürt auch das Publikum sofort, dass sich hier etwas Außergewöhnliches ereignet – und reagiert seinerseits mit höchster Aufmerksamkeit. Der Applaus, sagte man früher, sei das Brot des Künstlers. Im hektischen 21. Jahrhundert aber ist echte, mitdenkende und mitfühlende Konzentration der Zuhörer der schönste Lohn für die Interpreten.

In Berlin kann man derzeit besonders viele solcher Abende erleben. Die großen Orchester der Hauptstadt sind in blendender Verfassung: Das Deutsche Symphonie-Orchester (DSO) setzt seinen Höhenflug auch im chefdirigentenlosen Jahr zwischen Kent Naganos Abschied und Ingo Metzmachers Amtsantritt fort. Das ehemalige Berliner Sinfonie-Orchester, das sich nach seinem Stammsitz nun Konzerthausorchester nennt, profitiert von der deutlich verbesserten Akustik im Schinkel-Tempel am Gendarmenmarkt und hat mit Lothar Zagrosek einen neuen künstlerischen Leiter, der nicht nur ein engagierter Musikchef, sondern auch ein brillanter Vordenker ist. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) schließlich pflegt unter Marek Janowski eine fast schon verloren geglaubte Kultur der Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Partituren.

Klassik in Berlin, das sind eben nicht nur die Berliner Philharmoniker. Als primus inter pares steht Simon Rattles Abenteuertruppe für die spannendste Orchesterlandschaft der Welt. Eine solche Dichte an Spitzenensembles kann keine andere Metropole aufweisen. Angesichts dieses künstlerischen Potenzials erscheint das lokalpolitische Endlosgezänk über die ach so dringend notwendige Profilierung der Orchester wie eine Phantomdebatte. Sicher, alle vier wollen das Kernrepertoire mit den besten Dirigenten und Solisten aufführen, wollen die Interpretationsgeschichte von Beethoven, Brahms, Mahler und Bruckner mitschreiben. Sollen sie doch! Solange die Ergebnisse das Publikum aus den Sitzen reißen!

Und wenn man mal genau hinschaut, entdeckt man en detail tausend inhaltlichen Ausdifferenzierungen. Das fängt mit dem persönlichen Geschmack des Chefdirigenten an: In drei Programmen wird Simon Rattle im Februar seinem Hausgott Joseph Haydn huldigen – und dabei beweisen, dass bei keinem Dirigenten diese Musik so eloquent, geistreich und locker klingt wie bei ihm. Lothar Zagrosek verknüpft ab 2. Februar mit dem Konzerthausorchester Neue Wiener Schule, Zeitgenössisches und Beethovens „Eroica“ zum ästhetischen Statement. Marek Janowski, für seinen Wagner-Abend im Dezember gefeiert, setzt mit dem RSB am 4. Februar die Auseinandersetzung mit dem Bayreuther Titanen fort. Und der neue DSO-Chef Ingo Metzmacher will sich ab Herbst 2007 dem „Deutschen in der Musik“ widmen, erforschen, wie die Seele der Nation klingt.

Ziemlich kakofonisch geht es allerdings derzeit hinter den Kulissen zu: Mitten in der Saison verlässt Orchesterdirektor Andreas Richter das DSO. „In gegenseitigem Einvernehmen“ heißt es in der Presseerklärung – zu gut Deutsch: Das wird teuer. Da Richters Vertrag noch zwei Jahre läuft, muss das Orchester ihn ausbezahlen. Abgesehen davon, dass hier Steuergelder verbrannt werden, fragt man sich natürlich, warum Metzmacher schon vor Amtsantritt Köpfe rollen lässt. Wäre der Berlin-Neuling nicht klug beraten gewesen, zumindest zu Beginn auf einen Mitarbeiter zu setzen, der bestens in der Stadt vernetzt ist. Vor allem, weil der neue Chefdirigent gar keinen Favoriten für den Managerjob bei der Hand hat, sondern jetzt erst einmal per Ausschreibung Kandidaten suchen muss.

Noch heikler liegt der Fall beim Chefdirigenten des RSB, Marek Janowski. Anfang Dezember erklärte er überraschend seinen Rücktritt zum Saisonende. Auch wenn der Maestro sich über die Gründe ausschwieg, war doch klar, dass es hier wieder einmal um die schwierige Machtbalance in der Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC) geht, zu der auch das RSB gehört. Der neue ROC-Intendant Gernot Rehrl hatte auf dem „Deutschen Orchestertag“ im November erklärt, für ihn gebe es beim Profil des RSB Justierungsbedarf. Das lässt sich kein künstlerischer Leiter gerne attestieren. Nach wochenlangem Tauziehen gelang es den allerhöchsten Repräsentanten der ROC am Freitag, Maestro Janowski wenigstens so weit zu besänftigen, dass er die 42 Konzerte dirigieren wird, die 2007/08 mit dem RSB geplant sind. Ernst Elitz, Chef des ROC-Gesellschafters Deutschlandradio, sagte dem Tagesspiegel nach dem Treffen, er sei optimistisch, dass Janowski seinen jetzigen Vertrag erfüllen werde, der immerhin bis 2011 läuft. Gernot Rehrl hingegen wird wohl eine Beschneidung seiner Richtlinienkompetenzen hinnehmen müssen.

Das Publikum bekommt, zum Glück, wenig von solchem Geschacher mit, genießt die Konzerte – und ist im Übrigen viel neugieriger als allgemein angenommen: 75,3 Prozent der Abonnenten des DSO beispielsweise wählen das Orchester, gerade weil sie hier Ungewöhnliches zu hören bekommen. Gewiss, die Dauerkartenbesitzer sind vorwiegend älteren Semesters. Aber sie sind extrem treu. Gut ein Drittel der RSB-Abonnenten ist länger als 20 Jahre dabei, beim DSO ist es immerhin ein Viertel. Und sie sind dankbar, dass ihnen ein Abo angesichts des schier unüberblickbaren Berliner Kulturangebots die Qual der Wahl abnimmt. Gerne akzeptieren sie auch den sanften Druck, den so ein Abo ausübt: Wer im Voraus für die Tickets bezahlt hat, rafft sich abends leicht auf.

Auch sonst hat die von der ROC jüngst in Auftrag gegebene Publikumsbefragung Erstaunliches ergeben: Mehr als drei Viertel freuen sich schon Tage vorher auf den Konzertabend, über 85 Prozent bereiten ihn aktiv nach, indem sie Kritiken lesen oder mit Freunden diskutieren. Das macht die Abonnenten zu perfekten Werbeträgern. Und plötzlich ist die Lösung für das Problem des aussterbenden Klassikpublikums gefunden: Wenn die älteren Herrschaften ihre Enkel als Aboneukunden gewinnen, wird der Konzertsaal wieder zum Mehrgenerationenhaus, in dem der Nachwuchs vom Wissen der Alten profitiert: „Opa, was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem guten Konzert und einem unvergesslichen Abend?“ – „Ach, weißt du, mein Junge, das ist nur ein winziger Schritt ...“

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