Kultur : Sounds aus dem Sozialismus

DESIGN

Günter Höhne

Er war schon 1968 serienreif: ein Rundfunkempfänger mit Suchprogramm, der per Wahltastendruck auf „Information“, „Jazz“, „Klassik“ oder „Sport“ die Sender mit dem entsprechenden laufenden Programmangebot aufrief – RDS-Technik von heute. Entwickelt wurde der Prototyp des „Programat“ in der DDR, vom „halbstaatlichen“ Edelradioproduzenten HELI im westsächsischen Limbach-Oberfrohna. In die Serienproduktion ging er nie. Schuld daran war weder eine ungenügend ausgereifte Technik noch die für ein Radio recht ungewöhnliche schreibmaschinenähnliche Formgebung. Der Makel des revolutionären Gerätes war ideologischer Art. Der Programat unterschied nämlich nicht zwischen DDR- und Westsendern. Deshalb wurde er 1968 auf der Leipziger Herbstmesse nur einmal vorgeführt: sozialistischen Wirtschaftsfunktionären, die dem Feindangriff auf die ostdeutschen Lauscher prompt einen Riegel vorschoben. Entwerfer des Produktes war das ostdeutsche Industrieformgestalterduo Clauss Dietel/Lutz Rudolph. Sein umfangreiches, 40 Jahre umfassendes freiberufliches Œuvre von A wie Architektur bis Z wie Zittauer und Zwickauer Automobilentwürfe ist jetzt in der sehr sehenswerten Retrospektive Gestaltung ist Kultur in der Kulturbrauerei im Museum der Sammlung industrielle Gestaltung, zu sehen (bis 8. März, Mi bis So 13 bis 20 Uhr, Katalog 30 €). Ein so überraschendes wie fesselndes Kapitel (ost)deutscher Designgeschichte, das nicht „das“ DDR-Design zeigt, aber solches, das hätte sein können: modern und langlebig, zeitlos schön und zeitlebens nützlich.

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