Kultur : Soundwolken

Alanis Morissette in der Zitadelle Spandau.

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Zorn und Schmerz. Alanis Morissette bei ihrem Berliner Auftritt. Foto: dapd
Zorn und Schmerz. Alanis Morissette bei ihrem Berliner Auftritt. Foto: dapdFoto: dapd

„An Evening With Alanis Morissette“ – die Ankündigung klingt nach Gediegenheit, ruhigen Tönen und beschaulicher Gesetztheit. Dazu ist die ausverkaufte Spandauer Zitadelle artig bestuhlt, das Wetter milde, und 3000 Besucher freuen sich, dass es mal nicht regnet, donnert oder blitzt. Aber dann kommt es doch anders, zumindest von der Bühne: Tosen, Donnern, Grollen. Orkanlautstärke einer Band in Grau und Schwarz. Und irgendwo aus den dräuenden Klangwolken blitzt die scharfe Stimme von Alanis Morissette. Nur, wo ist sie? 3000 Köpfe drehen sich irritiert nach links, nach rechts, nach hinten. Kommt der Gesang aus der Konserve? Aus der Garderobe? Dann stapft die Kanadierin ganz einfach auf die Bühne, singt „Remain“ vom Soundtrack des Films „Prince of Persia“, und reißt ihre Fans zum ersten Mal von den Stühlen. Mit dieser etwas hibbeligen, hypnotischen Ausstrahlung und dem Song „Woman Down“ vom neuen Album „Havoc And Bright Lights“, das erst Ende August erscheint. Und jeder Menge älterer Stücke von „Jagged Little Pill“, der Platte, mit der die 38-Jährige 1995 zum weltweit gefeierten Star wurde. „All I Really Want“, „You Learn“, „Forgiven“ – alles ist wieder da.

Mit wild wehenden Haaren und langen Schritten, als hätte sie Langlaufskier unter den Beinen, schiebt sich die Sängerin über die Bühne, läuft vorwärts und rückwärts. Und formt dabei ihren offenbar ungezähmten Zorn, ihre eindrucksvollen Geschichten und Gedichte über persönliches Chaos, Verletzungen, Verlassensein, gescheiterte Beziehungen immer wieder zu aufregenden Gesangsmelodien. Während die Begleiter – zwei Gitarren, Hammondorgel, Bass und Schlagzeug – sich weniger hervortun mit solistischer Melodik, sondern gemeinsam dichte Soundwolken auftürmen oder klangliche Steppenbrände erzeugen in öder Weite. Und noch einmal teilt Alanis Morissette ihre biografischen Miniaturen, ihren angstgetriebenen Zorn und Schmerz mit ihren rührend hingebungsvollen Fans, die längst endgültig aus den Sitzen gesprungen sind und jedes Lied textgetreu mitsingen. „Citizen Of The Planet“, „Hands Clean“ und das tolle „Ironic“ über die Ungerechtigkeiten des Lebens und die schweren Ironien des Schicksals. Und das letzte Stück nach wüstem Krachen und etwa 80 kompakten Minuten ist dann doch noch fast still und beschaulich und mit großem Piano: „Uninvited“. H.P. Daniels

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