Kultur : Sowjets auf den Tisch

Propaganda in Porzellan: eine Ausstellung der Eremitage-Filiale in London

Bernhard Schulz

Was waren das für Zeiten, als man politische Propaganda durch bemaltes Porzellan glaubte an den Mann bringen zu können – oder an die Hausfrau. In der frühen Sowjetunion war das der Fall. Die zuvor Kaiserliche Porzellanmanufaktur St. Petersburg wurde, kaum dass die Stadt zu Leningrad geworden war, vom Volkskommissariat für Volksbildung übernommen und später in Lomonossow-Porzellanfabrik umbenannt. Unablässig steuerten die Künstler der neuen Richtungen, zuvörderst des Suprematismus, Entwürfe bei, die in kleinen Serien ausgeführt wurden – unerschwinglich für Arbeiterhaushalte, aber aus heutiger Sicht ein zauberhafter Nebenzweig der neuen Kunst, der ihre Entwicklung wie auch ihren Niedergang unter dem Stalinismus in Tassen und Tellern spiegelt.

Eine Auswahl von rund 300 Objekten – mithin die zu diesem Thema bislang überhaupt größte und wohl kaum jemals zu überbietende Ausstellung – ist jetzt in London zu sehen, in den „Hermitage Rooms“, die die Eremitage im riesigen Komplex des Somerset House mitten in der Stadt betreibt. Die Leihgaben stammen aus dem Porzellanmuseum, das das Petersburger Universalmuseum seit einiger Zeit betreibt – im Wesentlichen bestehend aus den Archivalien eben der Lomonossow-Porzellanfabrik. So erklären sich die Vollständigkeit des Überblicks und der makellose Erhaltungszustand.

Die Ausstellung trägt den hübschen Titel „Die Quadratur des Kreises“, der exakt die Bemühungen der Suprematisten beschreibt. Kasimir Malewitschs Schüler Nikolai Suetin und Ilya Tschaschnik waren die wichtigsten Entwerfer; Malewitsch selbst steuerte 1923 den an seine Architekturvisionen angelehnten Entwurf einer unbemalten, dafür aber aus verschiedenen Volumina zusammengesetzten Teekanne mit halbkreisförmigen, einander zum Vollkreis ergänzenden Tassen bei. Im Allgemeinen blieb es aber bei den herkömmlichen Tassen und Tellern, die nun schnörkellos daherkamen und mit kraftvollen, teils monochromen, teils mehrfarbigen Exerzitien in Linie, Kreis und Fläche bemalt wurden.

Daneben stehen die Propaganda-Zierteller, die den „Sieg der Arbeiterklasse“ oder den „5. Jahrestag der Roten Armee“ feiern, den Beruf des „Kommissars“ preisen oder die hochmoderne Tätigkeit des „Telefonisten“. Suetin, der erstaunlicherweise noch 1932 zum Leiter der „Kollektiven Künstlerwerkstatt“ berufen wurde, konnte seine suprematistisch-geometrische Linie noch eine Weile fortsetzen, wobei er für die Geschirrserie „Frauen“ bewusst auf Malewitschs pseudo-realistische Gemälde dieser Zeit zurückgriff. Anders ausgedrückt: Die Porzellanmanufaktur lag nicht gar so zentral im Visier der Parteiauguren, die doch zur selben Zeit alle Künstlerverbände soz-realistisch gleichschalteten. Vermutlich gaben sie sich mit dem Nippes zufrieden, den die Fabrik gleichfalls ausstieß: Tischfigurinen von „Sportlerinnen“ (1934) oder einem arktischen „Wachtposten“ (1930), wie sie das Heim so manchen Funktionärs geschmückt haben mögen.

Der Katalog, mustergültig erarbeitet von der kurz vor Drucklegung verstorbenen Tamara Kudrijavtsewa, wird über die ungemein dichte Ausstellung hinaus seinen Rang als Standardwerk zum Thema behalten. Und der Bewunderer der frühsowjetischen Kunst wünschte sich, die – heute privatisierte – Porzellanmanufaktur möge die Entwürfe von damals allesamt wieder auflegen!

London, Hermitage Rooms, Somerset House, Strand, bis 31. Juli. Katalog in englischer oder russischer Sprache, 20 Pfund.

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