Kultur : Sozial faschistisch

In Italien entsteht eine rechte Jugendkultur. Sie besetzt Häuser und verehrt Mussolini. Besuch in der römischen „Casa Pound“

Thomas Migge

Simone di Stefano ist in Klamotten von Nike, Adidas und anderer Trend-Marken gekleidet. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Jungfaschisten vor sich zu haben. Di Stefano gehört der „Fiamma Tricolore“ an, einer Partei, die es eigentlich gar nicht geben dürfte, da die italienische Verfassung von 1948 die Bildung neofaschistischer Parteien verboten hat. Und doch gibt es sie. Seit 1948. In den Siebzigerjahren koalierten die allmächtigen Christdemokraten sogar mit der größten von ihnen, der MSI. Sie firmiert heute unter einem anderen Namen, nachdem Gianfranco Fini aus der MSI Anfang der Neunziger die gaullistische Alleanza Nazionale machte. In der Regierung von Silvio Berlusconi stellt sie die zweitstärkste Partei.

Am rechten Rand brodelt es, erklärt Simone di Stefano, der mit der liberalen Politik von Fini gar nicht einverstanden ist. Di Stefano und seine Parteifreunde, alle unter 30 Jahren, träumen von der glorreichen Wiederauferstehung rechter Ideale. In den letzten Monaten sind sie vom Reden dazu übergegangen, in Rom drei leerstehende Gebäude, die dem Staat gehören, zu besetzen und neofaschistische Jugendkulturzentren ins Leben zu rufen. Di Stefano ist einer der Gründer des „Casa Pound“, das nahe beim Hauptbahnhof Stazione Termini gelegen ist. „Wir gaben uns den Namen Casa Pound“, erklärt Di Stefano, „weil der Amerikaner Ezra Pound nicht nur ein großer Dichter war, sondern ein Mann, der sich in seinen Werken auch mit der Wirtschaft und mit dem Faschismus beschäftigte.“ In einem der Bücher des nach dem Krieg von den Amerikanern in Italien verhafteten Poeten (1885-1972) fand der junge Mann einen Satz, „der mich berührt hat: Ein Mensch kann ein Haus bewohnen, auch ein zweites, ein drittes aber ist ein Kapital, mit dem er Geld verdienen will“.

So überrascht der linksradikale Impetus, mit dem Di Stefano gegen die „Besitzer dieses Kapitals“ kämpft. Gegen jene, die Wohnraum als Spekulationsobjekt verkommen lassen. Deshalb hat er sich zusammen mit politisch gleich gesinnten Freunden das Haus in der Via Napoleone III. unter den Nagel gerissen und bietet nun 20 Familien, die obdachlos waren, kostenlosen Wohnraum. Was die Tat eines Sozialrevolutionärs sein könnte, nennt der junge Mann stolz „konkreter Faschismus“.

Im Jugendkulturzentrum „Casa Pound“ sucht man vergeblich Glatzen, Hakenkreuze oder dergleichen Symbole. Man gibt wortreich vor, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Stattdessen will man sich am so genannten „sozialen Faschismus“ des frühen Benito Mussolini ausrichten, als dieser – von einem diffus revolutionären Gefühl getrieben – radikale Sozialpolitik mit antidemokratischen Tendenzen zu verbinden suchte. Die neuen jungen Rechten verehren den Duce. Ganz im Sinne des Futuristen Tommaso Marinetti, von dem sie ein großes Porträt an der Wand hängen haben.

„Uns geht es um eine Antwort auf bestimmte Tendenzen der modernen Kultur“, sagt Gabriele Adinolfi von der „Casa Pound“. „Wir sind nicht gegen die Moderne, sondern wollen sie mit unseren Ideen bereichern.“ Ideen, die er und seine Freunde aus den Werken von Nietzsche und Hesse, von Carl Schmitt und Ernst Jünger beziehen. Ihnen geht es „um den sozialen Faschismus, der mit dem Nationalsozialismus nichts gemein hat“. So nähren die rechten Jugendkulturzentren ein Mix aus neofaschistischer Gegenkultur und ideologischer Propaganda.

Ein Ideengut, das in Italien bisher eher im Verborgenen gepflegt wurde. In den Jugendkulturzentren hingegen wird es ganz offen propagiert – und niemand protestiert. Die Mitte-rechts-Regierung lässt die jungen Leute offenbar machen.

Das Programm der römischen Jugendzentren bietet allerdings nicht viel mehr als einen Aufguss romantisch verklärter Heldenideen jenes Faschismus, der in den fernen Zwanzigerjahren zahlreiche italienische Intellektuelle fasziniert. Ein Ideengut, das später von Mussolini aufgegeben wurde, als dieser die Macht erlangt hatte. Aber davon wollen die Duce-Fans nichts hören. Dass ihr großes Idol sich als Herrscher zum Pragmatiker berufen fühlte und von seinen frühen sozialen Ansätzen nichts mehr wissen wollte, passt nicht in eine propagandistische Gedankenwelt.

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