• Sozialhilfe: Wer kann, muss arbeiten: Die Reformphilosophie des US-Bundesstaates Wisconsin

Kultur : Sozialhilfe: Wer kann, muss arbeiten: Die Reformphilosophie des US-Bundesstaates Wisconsin

Martin Gehlen

Tommy Thompson versteht sein Geschäft. Als der republikanische Politiker 1987 zum Gouverneur des US-Bundesstaates Wisconsin gewählt wurde, machte er Welfare zu seinem zentralen Thema. Kaum jemand in den USA hat so viel praktische Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt, wie der heutige Sozial- und Gesundheitsminister. Und seine Daten können sich sehen lassen: In Wisconsin ist die Zahl der Welfare-Empfängerinnen in den letzten zehn Jahren von 237 000 auf 37 000 gesunken, besonders drastisch in den letzten drei Jahren. Denn seit Juli 1997 hat niemand in den USA mehr Anspruch darauf, unbegrenzt Sozialunterstützung zu erhalten. Wer in Schwierigkeiten gerät, so der Wille des Kongresses und des damaligen Präsidenten Bill Clinton, dem greift der Staat maximal fünf Jahre unter die Arme. Dann ist Schluss für den Rest des Lebens.

Zum Thema Online-Umfrage: Sozialhilfe nach US-Vorbild? Die meisten Welfare-Abhängigen stoßen erstmals im Juli 2002 an diese neue Zeitschranke. Seit sie aufgestellt ist, haben sich die Welfare-Zahlen im ganzen Land halbiert. Besonders drastisch ist der Rückgang in Wisconsin, wo Gouverneur Thompson 1997 sein Reformprogramm "Wisconsin Works" (W-2) in Kraft setzte. Seither gibt es Welfare grundsätzlich nicht mehr ohne Gegenleistung. "Wer arbeiten kann, der sollte sein Geld nur noch durch Arbeit bekommen", heißt das "philosophische Prinzip Nummer eins" von W-2. Bewerber müssen sich unter Beobachtung von Sozialarbeitern um einen Job bemühen, bevor sie finanzielle Unterstützung erhalten. Wer nichts findet, muss gemeinnützige Arbeit leisten. Teenager und minderjährige Mütter sind verpflichtet, zur Schule zu gehen, wenn sie ihre Unterstützung nicht verlieren wollen. Alle Antragsteller müssen einen Plan erarbeiten, wie sie in ihrem Leben wieder auf die Beine kommen wollen. Dann hilft ihnen der Staat, wenn sie zusätzliche Qualifizierung brauchen, Kinderbetreuung oder Krankenversicherung.

Das alles kostet den Steuerzahler Geld - mehr Geld, als die bisherigen Welfare-Schecks. "Man kann eine Reform des Sozialsystems nicht auf die billige Tour machen", war von Anfang an die Devise Thompsons. Was er in die Arbeitssuche der Welfare-Bedürftigen investiert, kommt jedoch langfristig durch die gesparten Welfare-Zahlungen wieder rein. Einen Teil der Welfare-Abhängigen hat er wegen der guten Konjunktur und glänzenden Arbeitsmarktlage in Einfachjobs unterbringen können. Der größere Teil jedoch ist einfach aus der Statistik verschwunden. Die Behörden und Tommy Thompson feiern das als Erfolg. Doch über den Verbleib und die Lage dieser Menschen weiß niemand etwas.

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