Soziologie : Drum schwinge mit, wem Schwung gegeben

Wider die Entfremdung: Hartmut Rosa entwirft eine Soziologie der Resonanzbeziehungen.

Meike Feßmann
Wer nimmt den Klöppel in die Hand? Tibetische Klangschalen in geduldiger Erwartung lang anhaltender Resonanz. Foto: Mauritius images/Alamy/Jiri Hubatka
Wer nimmt den Klöppel in die Hand? Tibetische Klangschalen in geduldiger Erwartung lang anhaltender Resonanz.Foto: Mauritius images/Alamy/Jiri Hubatka

Wer sich noch an den ersten Band von Peter Sloterdijks „Sphären“-Trilogie erinnert, konnte sich in den letzten Jahren gelegentlich wundern, wie weit es den Philosophen von seinem vielleicht größten Einfall weggetrieben hat. In „Blasen“ schickte er die heroischen Einsamkeitsphantasmen der Moderne in die Rumpelkammer der Geschichte. Er entwarf den Menschen nach einem konträren Modell: als ein Resonanzwesen, das gerade nicht alleine existiert, sondern von Anfang an mindestens zu zweit. Seine Existenz spürt es nur, weil es bereits einen Anderen gibt. Der selig in der Raumkapsel des mütterlichen Uterus treibende Embryo, der akustische Signale einer anderen Existenz wahrnimmt, während sich die eigene ausbildet, wurde durch den „Blasen“-Band zu einem wirkmächtigen Bild.

Dieses Bild greift der Soziologe Hartmut Rosa nun auf und ergänzt seine Theorie der Beschleunigung mit einem Konzept, das Resonanz als „Lösung“ der Probleme anbietet, die durch die veränderten Zeitstrukturen der Moderne entstanden sind.

Dass wir mehr Dinge in immer kürzerer Zeit erledigen und dadurch unter Druck geraten, gehört zur „Eskalationstendenz“ moderner Gesellschaften. Für sie ist charakteristisch, dass sie sich nur „dynamisch stabilisieren“ können, wie der in Erfurt und Jena lehrende Soziologe analysiert, der in Jena ein Forschungsprojekt zur „Postwachstumsgesellschaft“ gegründet hat. Die Steigerung wird zum Zwang und hat sich längst von der ökonomischen Sphäre in alle gesellschaftlichen Bereiche ausgebreitet. Optimierung, Rationalisierung und Effizienz durchdringen den Alltag. Der Kapitalismus kennt kein Außerhalb, erst recht nicht in seiner globalen Variante. Max Weber bezeichnete ihn deshalb als die „schicksalsvollste Macht unseres modernen Lebens“.

Wo es kein Wachstum gibt, geht es bergab. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, sondern für jedes einzelne Subjekt. Selbst wer nur den Status quo erhalten möchte, muss sich verausgaben. Was das bedeutet, illustriert Hartmut Rosa mit dem Bild einer nach unten gleitenden Rolltreppe, auf der man unablässig nach oben laufen muss, um den relativen Standpunkt zu halten.

Soziologie des guten Lebens

Hartmut Rosa will eine „Soziologie des guten Lebens“ initiieren. Das ist ein begrüßenswertes Unterfangen. Allerdings muss es erhebliche Klippen meistern. Die Absturzgefahr Richtung Ratgeberliteratur und süffiger Lebenshilfe-Philosophie ist ebenso groß wie die Gefahr, aus lauter Vorsicht einen Mittelweg zu gehen, auf dem zwar nichts Schlimmes passiert, sich aber auch nichts Aufregendes ereignet. Anders als Peter Sloterdijk macht Hartmut Rosa nicht viel Wind. Er argumentiert geduldig und systematisch. Manchmal führt das zu Wiederholungen und etwas umständlichen Formulierungen. Doch insgesamt ist sein Entwurf bezwingend konsistent.

Als physikalisch-musikalische Metapher für das, was sich zwischen zwei Objekten tut, wenn sie sich gegenseitig in Schwingung versetzen, hat Resonanz den enormen Vorteil, sich als Beziehungsmodus beschreiben zu lassen. Sie ist keine Emotion, auch dann nicht, wenn man von zwei Subjekten spricht oder von einem Subjekt und einem Objekt. Rosa konzipiert sie als eine „Antwort“, die ein Weltausschnitt von sich aus gibt. Wer sich in einem resonanten Umfeld bewegt, dem scheint die Welt entgegenzukommen. Sie kann sich aber auch komplett verschließen, dann bleibt die Verbindung stumm. Depression und Burnout lassen sich nach diesem Modell als Verstummen aller Resonanzen beschreiben. Die Welt wirkt grau und leer, sie „antwortet“ nicht.

Während es in der Psychoanalyse genügt, den Patienten umzustimmen, und die Ratgeberliteratur davon lebt, dem Einzelnen Erleichterung anzubieten, muss der Soziologe die ganze Gesellschaft in den Blick nehmen. Hartmut Rosa kommt zu einer ambivalenten Diagnose der spätmodernen Verhältnisse. Einerseits ist die Steigerungslogik des entfesselten Kapitalismus ein Frontalangriff auf Resonanzphänomene, die Angstfreiheit und genügend Zeit voraussetzen sowie Räume und Institutionen, die Begegnungen erleichtern. In dieser Hinsicht scheint alles auf eine „Resonanzkatastrophe“ zuzulaufen. Sie kündigt sich in der ökologischen und der demokratischen Krise ebenso an wie in der „Psychokrise“, als die man die Zunahme psychischer Krankheiten mit Recht bezeichnen kann. Andererseits aber hat die Moderne durch ihre technischen Möglichkeiten erst die Energien freigesetzt, aus der sich jene historisch beispiellose „Resonanzsensibilität“ entwickeln konnte, deren zwanglose Ausschöpfung sich als Verheißung imaginieren lässt. Dass sich ganze Industrien darauf spezialisiert haben, den Bedarf an Resonanz zu decken, bedeutet nicht, dass damit das Konzept diskreditiert wäre.

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