Soziologie : Michael Jackson - der Lieblingsmensch

Seid umschlungen, Millionen: Michael Jackson verkörperte das universale Zeitalter.

Sibylle Tönnies

Die Gebildeten trauern nicht um Michael Jackson. Leicht konsterniert betrachten sie, wie die Jugend dieser Welt bittere Tränen weint – und dabei tanzt und springt. Speziell Michael Jackson, diesem schablonenhaften Menschen, der sich weder als Junge noch Mädchen, als Mann noch Frau, als Kind noch Erwachsener einordnen lässt und seine schwarze Partikularität so weit wie möglich abgelegt hat – diesem unwirklichen Nowhere-Man mit den abgehackten, künstlichen Moondance-Bewegungen können sie nichts abgewinnen. Ich auch nicht, übrigens. Aber ich empfinde meine Gleichgültigkeit gegenüber seinem Tod nicht als Vorzug, sondern als Mangel. Sie zeigt mir, dass ich alt bin und einem verflossenen Zeitalter angehöre.

„Er war mein Lieblingsmensch!“, hörte ich ein Kind sagen. Michael Jackson gehört der Zukunft an: einer universalen Kultur, deren Lieblingsmensch nur jemand sein kann, in dem die biologisch und kulturell vorgegebenen Gegensätze so weit wie möglich aufgehoben sind. Michael Jackson war der abstrakte Mensch – so weit ein Lebender das überhaupt sein kann. Er hat bewusst die Partikularität aus sich herausgetrieben; in ihm haben sich die Antagonismen aufgelöst.

Wie schrecklich! sagen die Gebildeten. Der abstrakte Mensch, er lässt sie kalt. Mit Abscheu sprach der amerikanische Philosoph Michael Walzer von dem Individuum, „das, frei von allen Bindungen ist und keine gemeinschaftlichen Werte, keine festen Beziehungen, keine gemeinsamen Sitten und Gebräuche oder Traditionen kennt, das sich ohne Augen, ohne Zähne, ohne Geschmack, ohne alles präsentiert.“ Der Widerstand in der Philosophie gegen die Abstrahierung und Universalisierung ist groß. Wenn sich Adorno so vehement gegen die Aufklärung stellte, dann wegen ihrer Zuwendung zum „Menschen an sich“ und den Rechten, die sie ihm „ohne Ansehen der Person“ zuschrieb – den allgemeinen Menschenrechten. Er mochte nicht, dass das Inkommensurable weggeschnitten wird.

Auch die philosophische Postmoderne ist auf das Partikulare und Besondere aus. Lyotard fasste ihr Programm unter dem Titel „Le Differend“ zusammen. Das Komplizierte, Zerstückelte, Unübersichtliche wird innerhalb dieses Zeitgeistes geschätzt. Dem Einfachen, Übersichtlichen und Gleichen wird generell misstraut. Nicht die Aufhebung der Gegensätze, sondern ihre Pflege ist angesagt: die Erhaltung von sterbenden Sprachen und die Bekämpfung des Englischen als Lingua franca, die Erhaltung spezieller Ernährungsweisen und die Bekämpfung von McDonalds.

Die Massen haben damit wenig im Sinn. Sie folgen dem große Trend der Weltkultur: der Anähnelung der Menschen aneinander und der Herausbildung einer global akzeptierten Mischkultur. Sie passen sich einem unaufhaltsamen Prozess an, der, soziologisch ausgedrückt, in der Ablösung der unterschiedlichen Gemeinschaften durch eine einheitliche Gesellschaft besteht.

Im Zeitalter der Aufklärung wären die Gebildeten über die universale Angleichung der Werte begeistert gewesen. „Seid umschlugen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt“, rief Schiller aus in seinem Lied an die Freude. Ihm war der abstrakte Mensch ideales Leitbild. Im Gegensatz dazu will sich heute kaum jemand freuen über die globale Universalisierung, die eine menschheitsgeschichtliche Neuigkeit ist und die größten Chancen für eine friedliche Weltgesellschaft bietet. In dem Buch „Die Hypermacht“ rühmt Josef Joffe die weltweite Angleichung in schönen Worten. Aber auch er kann daraus keine begeisternde Botschaft machen – wie es die Aufklärung vermochte –, weil er den Prozess zu sehr als Amerikanisierung versteht.

Nur auf den ersten Blick tritt die Universalisierung der Weltkultur als globale Amerikanisierung auf. Tatsächlich geht die Verwandlung der heterogenen Gemeinschaften in eine universale Weltgesellschaft irreversibel einher mit einer umfassenderen Egalisierung. Im Schmelztiegel Amerika ist diese Entwicklung nur vorgeprägt und trägt deshalb seine Züge.

Vor dem Zweiten Weltkrieg sagte der Philosoph Max Scheler: „Wenn ich auf das Tor des im Anzug befindlichen Zeitalters einen Namen zu schreiben hätte, der die umfassende Tendenz dieses Weltalters wiederzugeben hätte, so schiene mir nur ein einziger geeignet: ,Ausgleich’. Ausgleich der Rassenspannungen, Ausgleich der Mentalitäten, der Selbst-, Welt- und Gotteswahrnehmungen der großen Kulturkreise. Ausgleich der Spezifitäten der männlichen und weiblichen Geistesart. Ausgleich zwischen den politischen Machtanteilen von sogenannten Kultur-, Halbkultur und Naturvölkern.“ Die Nazis haben – vergeblich – eine gewaltsame Re-Partikularisierung angestrengt, in der das Deutsche und das Fremde, der Mann und die Frau noch einmal gegeneinander in Stellung gebracht wurden. Jetzt ist es der radikale Islam, der sich der globalen Nivellierung mit Gewalt entgegenstellen möchte. Aber schon Max Scheler wusste, dass „nicht die Weltalter der zunehmenden Spannungs- und Partikularisierungskräfte, sondern die Zeitalter des Ausgleichs die todes- und tränentrunkensten sind.“

In diesen Tagen feiert der Universalismus in der Beweinung seines „Lieblingsmenschen“ ein globales Fest. Tanzen und Hopsen mit erhobenen Armen sind dabei die Formen. In meiner Kindheit wurden solche Gesten noch als Eigenart der „Neger“ angesehen.

Die Autorin ist Juristin und lehrt Soziologie an der Universität Potsdam.

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