Kultur : Spaltköpfe

Obamas Gegner rütteln an der Staatenunion.

Thomas Wild

Seit den Wahlen vor zwei Wochen hat sich die Rede von Amerikas „gespaltener Gesellschaft“ verfestigt. Nun wollen Bürger aus 50 Bundesstaaten damit Ernst machen: Über eine halbe Million unterzeichneten Petitionen, in denen sie die Abspaltung ihres Bundesstaates von der Union der amerikanischen Staaten fordern. Die meisten Stimmen kommen aus Texas. Mehr als 112 000 Amerikaner votierten bereits für die Sezession der mächtigen Wirtschaftsregion. Eingereicht werden die Anträge über die Petitionsseite des Weißen Hauses im Internet „We, the People“. Sobald eine Petition mehr als 25 000 Unterstützer findet, muss die Regierung offiziell darauf antworten. Bisher haben sechs abspaltungswillige Staaten das Quorum erreicht. An derselben Stelle machen sich 15 000 Unterzeichner eines gegnerischen Aufrufs dafür stark, den Sezessionisten die Staatsbürgerschaft zu entziehen und sie des Landes zu verweisen.

Rufe nach Abspaltung ertönen immer wieder. Eine so breite Welle gab es aber noch nie. Salopp lautet die Botschaft: Mit Obama als Präsident ist die politische Union nicht akzeptabel, wir machen unser eigenes Ding. Tatsächlich mögen einige glauben, Texas, das in der Liste wirtschaftsmächtiger Staaten weltweit an 15. Stelle steht, könnte unabhängig existieren. Fürs Armenhaus Louisiana, das die zweitmeisten Stimmen versammelte, kann das niemand behaupten.

Wie ernst ist das alles zu nehmen? Die Stimmen, die der nationale TV-Sender ABC auf der Straße einfing, sind sich einig: „Absurd, ein Witz!“ Jon Stewart, Anchorman der satirischen „Daily Show“, demaskierte als Erster den Witz und legte zugleich das weniger witzige Fundament frei. Dazu spielte er Wirtschaftsmagnaten ein, die für den Fall, dass Obama wiedergewählt werde, massive Entlassungen angekündigt hatten. Kein Unternehmer könne sich die Extrakosten aus Gesundheitsreform und anderen quasi-sozialistischen Eskapaden leisten.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich hinter solchen Äußerungen rassistische Ressentiments verbergen. Einem Reporter, der bei einer Wahlveranstaltung Mitt Romneys im Publikum den T-Shirt-Spruch „Bring die Weißen zurück ins Weiße Haus“ entdeckte, sagten die Berater des republikanischen Kandidaten: „Romney würde dem persönlich entgegentreten, aber er ist diszipliniert genug, es nicht zu tun, da das gegenüber seinen Wählern nach hinten losgehen könnte.“

Nicht immer tobt sich der rassistische Groll im Verborgenen aus. Noch in der Nacht von Obamas Wahlsieg randalierten etwa 400 Demonstranten an der University of Mississippi und grölten Hassparolen. Am nächsten Tag versammelten sich rund doppelt so viele, um ein Zeichen der Eintracht zu setzen. Die Südstaatenuniversität hatte gerade den 50. Jahrestag der gerichtlich erzwungenen Einschreibung des ersten schwarzen Studenten, James Meredith, begangen. Damals, im Oktober 1962, waren bei brutalen Ausschreitungen zwei Menschen getötet und hunderte verletzt worden.

„Kein anderer Präsident war jemals solchen Angriffen ausgesetzt“, kommentierte der Historiker Steven Hahn in der „New York Times“. Die Muster rassistischer Abscheu reichen zurück bis in die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, so Hahn, vor allem wenn es heiße, Obama sei „prinzipiell untauglich, unser Präsident zu sein“. Genau diese Botschaft senden die Sezessions-Petitionen. Gezielt legen sie Schablonen des Bürgerkriegs an nach dem Motto: Selig die Zeiten, als uns die Zentralisten aus Washington noch nichts vorschrieben. Selig auch die Zeiten, als die Verhältnisse zwischen Weiß und Schwarz noch in Ordnung waren. Niemand würde freilich offen die Wiedereinführung der Segregation fordern; so weit haben sich die Zeiten immerhin geändert.

Im Privaten und Halböffentlichen wirkt dennoch vieles nach. Auch darauf reagiert Obama, wenn er seine Dankesrede zur Wiederwahl mit einer Referenz auf den Civil War beginnt: Amerikas große Aufgabe komme voran, „die Union zu perfektionieren“. Bis in die Wortwahl tritt Obama damit das Erbe Abraham Lincolns an – jenes Bürgerkriegspräsidenten, der die Sklaverei abschaffte und die Union herstellte, weniger aus moralischer Überzeugung denn aus politischer Weitsicht.

Vieles trennt die Menschen in den USA derzeit. Entscheidender ist, dass sie so wenig verbindet. Thomas Wild

Der Autor lehrt deutsche Literatur am Bard College, New York.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben