Kultur : Spam-Mail für Mozart

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

 Zum Thema Tagesspiegel Online: Literatur Spezial
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10) Eric Emanuel Schmitt: Mein Leben mit Mozart (Deutsch von Inés Köbel, Ammann Verlag, 144 Seiten, 19,90 €)

Spam-Mail ist ein Problem, das inzwischen nicht nur die Lebenden plagt. Mozart jedenfalls wird von Eric Emanuel Schmitt in seinem neuen Buch mit Briefen bombardiert, die über all das berichten, was Mozarts Musik in Schmitts Leben auslöst. Viel ist das nicht. Beim Anblick einer Opernsängerin etwa sinniert Schmitt über deren „prachtvollen Leib“, der „ebenso wie Töne herrliche Kinder hätte hervorbringen können“. Ehe Sie diesen banalen Unsinn entsorgen, entnehmen Sie bitte die beiliegende Mozart-CD, der Rest ist Verpackung.

 Service Online bestellen: "Fußball unser"
9) Eduard Augustin, Philipp von Keisenberg, Christian Zaschke: Fußball unser (Süddeutsche Zeitung, 192 Seiten, 18 €)

Alles, was man über Fußball nicht wissen muss, und leider noch sehr, sehr viel mehr versammelt die Sportredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ in diesem wie ein Brevier mit Goldschnitt aufgemachten Sammelsurium. Natürlich ist man damit ein Trittbrettfahrer von Ben Schotts Sammelsurien. Anders als dessen Füllhörner des unnützen Wissens ist dieses aber thematisch viel zu eng, als dass man es wirklich von vorn bis hinten lesen möchte. Bestenfalls ein Buch zum Blättern für den kleinsten Raum Ihrer Wohnung.

 Service Online bestellen: "Das Dreieck des Lebens"
8) Uwe Karstädt, Horst Janson: Das Dreieck des Lebens (Titan Verlag, 272 S., 24, 80 €)

Der Heilpraktiker Uwe Karstädt führt in diesem Buch sehr langatmig aus, warum eine Mischung aus Vitamin B6, Folsäure sowie Vitamin B12 vor Krankheit schützen und ein langes Leben garantieren soll. Kronzeuge ist ein inzwischen 70-jähriger, zugegebenermaßen unverschämt jung aussehender Schauspieler, der brav beteuert, wie trefflich ihm Herr Karstädt geholfen habe, und über den Herr Karstädt dann wiederum schreibt: „Selbstverständlich weiß Horst Janson um seinen Homocystein-Wert, selbstverständlich nimmt er täglich die Synervit-Kombination und selbstverständlich schenkt er seinem Körper auch regelmäßig wertvolles RX Omega-Fischöl und baut zudem Tag für Tag Immun- und Anti-Krebskraft durch den Pilzextrakt AHCC auf.“ Und selbstverständlich wurden Quacksalber früher geteert und gefedert.

 Service Online bestellen: "Schotts Sammelsurium"
Online bestellen: "Schotts Sammelsurium Essen & Trinken"
7 & 6) Ben Schott: Schotts Sammelsurium (Deutsch von Matthias Strobel, Alexander Weber u. a., Bloomsbury Berlin, 162 Seiten, 16 €) und Schotts Sammelsurium Essen und Trinken (dito, 159 Seiten, 16 €)

Was fasziniert uns so an diesen Handbüchern des skurrilen Wissens, die all das versammeln, was durchs Wahrnehmungsraster herkömmlicher Lexikografen fällt? Ich glaube, die Ahnung, dass in Fragen wie „Nach welchen Klassifizierungssystemen werden die Härtegrade von Bleistiften eingeteilt?“ etwas von der Vielschichtigkeit unseres Daseins aufscheint, eine Vielschichtigkeit, die in den meisten Sachbüchern zwanghaft vereinfacht wird. So gesehen sind Schotts Bücher eine Feier des Lebens selbst.

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5) Stephen Hawking und Leonard Mlodinow: Die kürzeste Geschichte der Zeit (Deutsch von Hainer Koba, Rowohlt Verlag, 192 Seiten, 19, 90 €)

Stephen Hawkings „Kurze Geschichte der Zeit“ war eines der meistverkauften Sachbücher aller Zeiten – und gewiss eines der am wenigsten gelesenen. Nun hat Hawking mit Hilfe eines Koautors eine Light-Variante seines Angeberbuchs geschrieben, die tatsächlich eine gute erste Einführung in kosmologische Fragen bietet. Und weil das so ist, ist dieses Buch zu loben, auch wenn es ein Rüchlein von Eigenplagiat und Beutelschneiderei umweht.

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4) Peter Hahne: Schluss mit lustig (St. Johannis, 128 Seiten, 9, 95 €)

Dumpfe Thesen zur Verantwortung der 68er-Generation für alles, was in Deutschland schief läuft, versammelt dieses in lausigem Stil verfasste Pamphlet eines Wortführers der „Früher-war-besser“-Fraktion. „Wir brauchen Eliten, die wieder vorbildhaft Kinder in die Welt setzen, statt sich aus der Familie zu verabschieden“, schreibt Hahne. Aber wer vögelt schon um des Bruttosozialprodukts willen?

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3) Corinne Hoffmann: Wiedersehen in Barsaloi (A1 Verlag, 236 Seiten, 19, 80 €)

Der dritte Aufguss einer ohnehin dünnen Geschichte über eine Frau, die mit einem Kenianer verheiratet war und diese Erfahrung nun in sehr langweiligen Büchern ausschlachtet: ein Sexploitation-Bestseller in der Tradition von „King Kong und die weiße Frau“.

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2) Helmut Kohl: Erinnerungen aus den Jahren 1982 bis 1990 (Droemer, 1133 Seiten, 29, 90 €)

Eine beleidigte Leberwurst erzählt ihr Leben. Schwerlich wird man eine politische Autobiografie finden, die es an Selbstbeweihräucherung, Selbstgerechtigkeit und Selbstmitleid mit diesem zweiten Band der Kohl’schen Memoiren aufnehmen kann. Spannend ist dieses Buch allerdings immer dann, wenn Kohl die Gelegenheit zur Abrechnung mit alten Weggefährten wie Heiner Geißler, Richard von Weizsäcker oder Lothar Späth nutzt. „Mich gerade nach den spektakulären Staatsbesuchen von George Bush und Michael Gorbatschow aus dem Kanzleramt jagen zu wollen, kam einer politischen Perversion gleich“, schreibt Helmut Kohl auf Seite 899. Sagen wir so: Diese Memoiren berichten tatsächlich von einer politischen Perversion.

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1) Dietrich Grönemeyer: Der kleine Medicus (Rowohlt, 360 Seiten, 22, 90 €)

Ein Kinderbuch über eine Entdeckungsreise durch den menschlichen Körper in einer Art miniaturisiertem U-Boot. Grönemeyer hat die Grundidee von Isaac Asimovs „Die phantastische Reise“ geklaut. So fundiert sein medizinisches Wissen, so täppisch sein amateurhafter Versuch, daraus eine für Kinder spannende Geschichte zu erzählen. Man merkt die Didaktik und ist verstimmt – ein Buch, das für lange Gesichter unterm Weihnachtsbaum sorgen wird.

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