Kultur : Spandauer Bär

Ivan Rebroff ist im Alter von 76 Jahren gestorben

Rainer Moritz

Es war nicht leicht, sich in den 1970er Jahren als Freund Russlands zu bekennen. Wo in den westdeutschen Bundesländern Wahlkampf mit den Slogan „Freiheit oder Sozialismus“ gemacht wurde und der Kalte Krieg trotz aller Entspannungspolitik viele Köpfe besetzte, musste man auf die russische Literatur von Dostojewski bis Tschechow zurückgreifen, um im real existierenden Kommunismus der Sowjetunion die vielgerühmte russische „Seele“ wiederzufinden. Zum Glück ging damals der Stern des Ivan Rebroff auf, eines mit bemerkenswerten gesanglichen Qualitäten ausgestatteten Mannes aus Berlin-Spandau. Dort 1931 als Hans-Rolf Rippert geboren, legte er sich früh das Pseudonym Rebroff zu und verkleidete sich konsequent so, wie sich Bibione-Urlauber seinerzeit die Mensch gewordene Fassung eines gutmütigen russischen Bären vorstellten.

Während die deutsche Unterhaltungsbranche längst von Importen aus Skandinavien, Italien, Griechenland oder Spanien angereichert worden war, blieben Ostimporte spärlich. Allenfalls der Balkan zeigte sich mit Ivo Robic oder Bata Illic schlagertauglich, und Karel Gott demonstrierte, dass goldene Stimmen selbst hinter dem Eisernen Vorhang gediehen. Russische Anleihen bei Alexandra („Sehnsucht“) oder Udo Jürgens („Anuschka“) waren Randerscheinungen, so dass der Anti-Breschnew Ivan Rebroff diese Marktlücke mit der Präsenz seines schweren Körpers mühelos ausfüllte.

1968 gelang Rebroff als Musical-Milchmann Tevje (in „Anatevka“) der Durchbruch. Von da an kultivierte er sein Image als Vorzeigeslawe. Dank einer Omnipräsenz in Fernsehshows sah man den stets mit Pelzmütze und Rauschebart bewaffneten Sänger als Russen schlechthin, der sich auf Schlittenfahrten ablichten ließ und, umrankt von nicht minder typisch gewandeten Kosakentänzern, unentwegt „Kalinka“ oder „Mit der Troika in die große Stadt“ vortrug.

Ivan Rebroff, der sich in seinen letzten Lebensjahren verstärkt der klassisch-sakralen Musik zuwandte, belegte eindrücklich, dass sich die Nähe und Fremdheit zwischen Völkern vor allem durch Klischees und Stereotypen vermittelt. Seine mit zahllosen goldenen Schallplatten dekorierte Diskografie lässt die Vermutung zu, dass Rebroff das Bild Russlands, ohne je dort gelebt zu haben, für eine ganze Generation Westdeutscher wie kein Zweiter prägte. Noch unter dem Tannenbaum in Bielefeld oder Heilbronn zeigten die Krippen- und Tannenbaumlieder des Spandauer Bass-Baritons, dass alle Weihnachtsfeste in Bielefeld oder Heilbronn keinesfalls mit der Emotionalität der russischen Taiga mithalten konnten. Konsequenterweise wurde der Völkerverständigungsfachmann Rebroff 1985 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und bald darauf von Michail Gorbatschow zu Konzerten in seine beharrlich gepflegte Seelenheimat eingeladen. Rebroff, der zuletzt auf der griechischen Insel Skopelos lebte, starb am vergangenen Mittwoch in Frankfurt am Main. Rainer Moritz

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