Kultur : Spanien: Im Schatten des Terrors

Antonio Muñoz Molina

Zur europäischen Vorstellungswelt gehört das Bild vom dunklen, finsteren Spanien, über dem der Schatten einer grausamen Vergangenheit liegt. Das moderne protestantisch-liberale Europa hat sich auch über den Gegensatz zum imperialen Spanien des 16. / 17. Jahrhunderts definiert, und wo die Geschichte nicht hinreicht, da setzt die Legende ein: Schiller und Verdi fügen ihr düstere Elemente hinzu, von Philipp II. und der Inquisition, die den Rebellen Don Carlos in den Kerker werfen. Schwarz von katholischen Trauergewändern und rot vom Blut der Stiere: Das ist das Spanien, das die europäische Imagination erfunden hat, wie einen Exorzismus, der die eigenen Grausamkeiten, die eigenen Schatten vertreiben soll.

Im 20. Jahrhundert erscheint dann die Franco-Diktatur wie eine Fortsetzung jenes alten und quasi genetischen Hangs zum Absolutismus - und der Bürgerkrieg als Beweis für die spanische Blutlust. Dass sich Franco bis zu seinem Tode an der Macht halten konnte, verdankte er der Unterstützung der USA und der Gleichgültigkeit oder dem stillschweigenden Einverständnis der europäischen Staaten. Schließlich war doch die Diktatur der natürliche Zustand Spaniens!

Als der Tyrann im Sterben lag, dachten viele gebildete Menschen in Europa, dass die Spanier in den Bruderkrieg zurückfallen würden; zum Erstaunen aller, und einige haben uns dafür bewundert, wich jedoch eine vier Jahrzehnte alte Diktatur innerhalb weniger Jahre und praktisch ohne Gewalt einer Demokratie, und das selbe Land, dessen Bild von blutigen romantischen Legenden verdunkelt war, erlebte einen Ausbruch von Freiheit, schöpferischer Kraft, wirtschaftlicher Dynamik und dem Ehrgeiz, sich endgültig in Europa zu integrieren.

Natürlich gab es Abgründe und Gefahren: Am 23. Februar 1981 hätte uns ein militärischer Umsturzversuch beinahe wieder in die schwärzeste Vergangenheit zurückkatapultiert. Aber die Umstürzler haben ihr Ziel nicht erreicht, sie wurden vor Gericht gestellt, und im Oktober 1982 ereignete sich wieder etwas Unglaubliches: Die Sozialistische Partei gewann die Parlamentswahlen mit absoluter Mehrheit, und die Gefahr eines Umsturzes ist inzwischen gebannt.

Spanien aber hat in dieser Zeit auch eine andere, weniger positive Wende erlebt. Denn der Terrorismus der ETA nahm weitaus gewalttätigere Züge an als während der Diktatur, obwohl das Baskenland seit 1980 einen Autonomiestatus genießt, der weiter geht als in jeder anderen europäischen autonomen Region, und obwohl, wie oft vergessen wird, 1977 alle inhaftierten Terroristen von einer Generalamnestie profitierten: auch diejenigen, die für Bluttaten verantwortlich waren. 1981 versprach der militärisch-politische Zweig der ETA bei Verhandlungen mit der Regierung sogar, die Waffen abzugeben, und über 100 Terroristen konnten das Gefängnis verlassen, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Es hat Zeiten gegeben, in denen täglich jemand ermordet wurde. Die Terroristen zogen sich nach Frankreich zurück und wurden dort, zur Erbitterung der spanischen Behörden, wie politische Flüchtlinge behandelt. Ich frage mich oft, was wohl in Deutschland oder Frankreich passiert wäre, wenn diese Länder eine ähnliche terroristische Offensive erlebt hätten wie wir sie seit so vielen Jahren erleiden.

Trotz allem morden die Terroristen weiter, und in vielen internationalen Medien werden sie wie Guerilleros präsentiert, ganz so, als kämpften sie gegen einen Unterdrückerstaat, gegen das schwarze Spanien, das ihre Heimat unterjocht und immer noch vom Geist Francos beherrscht wird.

Diese Legende ist in Europa beliebt, und deswegen hat die Nachricht so viel Aufmerksamkeit erregt, dass die Volkspartei, der Partido Popular, kürzlich ihre Mehrheit im Parlament genutzt hat, eine Verurteilung des frankistischen Regimes zu verhindern. Zwar wird die spanische Politik außerhalb unserer Grenzen gewöhnlich kaum wahrgenommen, aber eine solche Schlagzeile liest man gerne, weil sie bestätigt, was man ohnehin vermutete: Spanien bleibt, auch wenn es sich noch so modern, europäisch und demokratisch gibt, in Wahrheit doch im Schatten Francos. Zwar hat das spanische Parlament am 20. Jahrestag des militärischen Umsturzversuchs von 1981 einstimmig eine Erklärung für die Freiheit und gegen den Totalitarismus verabschiedet, aber diese Nachricht ist, glaube ich, nicht bis zu den deutschen Zeitungen gedrungen.

Die Gründe, warum die Abgeordneten des Partido Popular den rechten Aufstand von 1936 im Parlament nicht offiziell verdammen wollten, haben nichts mit dem Schatten Francos zu tun, sehr viel dagegen mit der spanischen Politik von heute. Die Initiative zu der Erklärung ging nämlich von der nationalistischen baskischen Partei PNV aus, deren Strategie darin besteht, ständig so zu tun, als gäbe es keinen Unterschied zwischen der Gegenwart und Francos Epoche.

Dabei war die Absicht, einen Bruch zwischen der Volkspartei und der Sozialistischen Partei herbeizuführen, die einen gemeinsamen Pakt zur Verteidigung der Verfassung und des Autonomiestatuts im Baskenland geschlossen haben. Der Vorschlag des PNV enthielt nicht nur eine Verurteilung des Aufstands vom Juli 1936: ebenso war darin ein Protest gegen das "einheitliche Denken" zu lesen und eine Aufforderung zu "Dialog, Verständigung und Frieden als Wege zur Konfliktlösung". Worte, die rechtschaffen klingen, die aber für jeden, der sich in der Sprache der spanischen Politik auskennt, auffallend an die Reden jener erinnern, die einen "Dialog" mit den Terroristen fordern, ohne von ihnen zuvor auch nur die Aufgabe der Waffen zu verlangen.

Der Vorschlag war so formuliert, dass sich die Volkspartei ihm gar nicht anschließen konnte - und hatte das Ziel, ihre Weigerung dann propagandistisch auszuschlachten. Es handelt sich also nicht um ein entlarvendes Ereignis, sondern um ein Beispiel politischer Taktik und Hinterlist, dessen Bedeutung in den ausländischen Medien überschätzt wird. Wäre es denn vergleichsweise nötig, dass der deutsche Bundestag heute die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 verurteilt? Die wahre Verurteilung geschieht doch durch die tägliche Praxis der Demokratie, durch das Funktionieren von Institutionen.

Natürlich ärgert und verletzt es mich als Demokraten, dass in Spanien noch immer einige Straßen nach Franco benannt sind und dass mein Land noch nicht mit der gebührenden Großzügigkeit die Tapferkeit vieler Widerstandskämpfer anerkennt, die im Gefängnis waren oder umgebracht wurden. Jeder politische Übergang gründet sich auf einer bewussten und partiellen Gedächtnisschwäche, das wissen die Franzosen und Deutschen seit 1945 genauso wie die Osteuropäer seit 1989. Das moderne Spanien der 80er Jahre hat sich in seiner Aufbruchsstimmung wenig um seine historische Vergangenheit geschert, aber die Verfassung von 1978 hat den entscheidenden Strang unserer liberalen Tradition aufgenommen; und viele Bürger haben sich, als Schriftsteller, Forscher oder Journalisten, darum bemüht, das zivile Gedächtnis, das während der Diktatur unterdrückt wurde, wieder zu beleben.

Mir scheint, es gibt etwas Schlimmeres als die leicht frivole Sorglosigkeit von Menschen, die sich möglichst schnell von ihrer Vergangenheit entfernen möchten: Das ist die Manipulation von Geschichte im Dienste nationalistischer Mythen des Opferkults und der rassischen Überlegenheit, wie sie in den Schulen des Baskenlands zu erleben ist, wo der Bürgerkrieg nicht als eine faschistische Auflehnung gegen die spanische Republik dargestellt wird, sondern wie ein Angriff Spaniens auf die Freiheit eines idyllischen Baskenlandes, das es nie gegeben hat. (Man darf nicht vergessen, dass die baskische Regierung, die sich über eine beinahe frankistische Unterdrückung durch den Zentralismus Madrids beschwert, die baskischen Schulen kontrolliert, das baskische Fernsehen, die Polizei, die unterschiedlichsten kulturellen Einrichtungen.)

In Spanien, das einem terroristischen Ansturm ausgesetzt ist, wie ihn kein anderes europäisches Land je gekannt hat, gibt es weder Sondergerichte noch Todesstrafe oder lebenslängliche Freiheitsstrafen. Die Volkspartei ist konservativ, aber ihre Stadträte im Baskenland riskieren ihr Leben genauso wie ihre sozialistischen Kollegen. Sie werden verfolgt und ermordet, weil sie eine bürgerliche Politik repräsentieren, die sich den Erpressungsversuchen des extremistischen Nationalismus nicht beugt. Auch wenn einige Straßen und Plätze noch immer den Namen Francos tragen, so erreicht die extreme Rechte in Spanien doch die schlechtesten Wahlergebnisse Europas und ist nirgendwo in den Parlamenten vertreten.

In Spanien wird, wie in vielen anderen Ländern, die Bildung sträflich vernachlässigt. Trotzdem erscheinen ständig Bücher, die den Bürgerkrieg, die Diktatur, die Nachkriegszeit schildern und analysieren. Es gibt sie gewiss noch immer, die Leidenschaft für das Blut, die fanatische Intoleranz, die viele Europäer uns immer so gerne zugeschrieben haben. Aber es gibt sie nur noch bei denen, die behaupten, sie kämpften, um sich von Spanien zu befreien. Jeder demokratische Bürger kann täglich ihr Opfer werden. Diese Angst ist der dunkle Schatten, der uns noch immer von Europa trennt, und nicht das Gespenst eines Diktators, der seit einem Vierteljahrhundert begraben liegt.

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