Kultur : Spaniens Architektur: Bauen im Überschwang

Christian Huther

Architektur in Spanien ist Leidenschaft. Der Überschwang prunkt nicht nur in historischen Gebäuden, auch in Neubauten lodern expressive Momente auf. Spanische Architekten haben inzwischen ein Qualitätsniveau erreicht, das Nordeuropäer erblassen lässt. Das zeigt die Ausstellung mit über 150 Darstellungen von Bauten im Spanien des 20. Jahrhunderts.

Die Schau beginnt um 1900 mit dem "Modernismo", dem spanischen Jugendstil zwischen Gotik und maurischem Stil. Die drei führenden Architekten Antoni Gaudí, Lluís Domènech i Montaner und Josep Puig i Cadafalch überboten einander in ihren Fantasien. Wie der "Modernismo" war der folgende Historismus ein Stilgemisch. Er lehnte sich aber auch an lokale Formen an. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) begann ein Kreuzzug gegen die Moderne, erkennbar etwa an der neoklassizistischen Fachhochschule von Gijón (1945/46). Allerdings war unter Franco auch der Bau der Gewerkschaftszentrale (1948/49) möglich, der sich am Rationalismus orientiert, und die Symmetrie des gegenüberliegenden Prado-Museums übernimmt. So bahnte sich eine gemäßigte Moderne langsam den Weg, zumal ab den 50er Jahren die Landflucht Bauprogramme in den Städten erforderte. Entschieden mehr gewagt wurde gleichwohl erst nach Francos Tod 1975.

Lange beriefen sich die Architekten auf die Formensprache der Vergangenheit. Das bekannteste Beispiel ist der Erweiterungsbau von Rafael Moneo (1973-76) für ein kleines Palais des 19. Jahrhunderts. Moneo setzte einen schlichten Bau hinter das Palais und übernahm alle Proportionen, bis hin zu den Fenstern: standortspezifisch und modern. Heute ist der 63-jährige Moneo der heimliche Übervater der spanischen Architekten. Er beeindruckt immer noch mit verblüffend einfachen, aber virtuosen Bauten, wie seinem Kongresspalast in San Sebastian (1989-99). Völlig der Dekonstruktion des Raums verpflichtet ist der wohl bekannteste Bau in Spanien, das Guggenheim-Museum (1991-97) in Bilbao, erbaut allerdings vom Amerikaner Frank Gehry. Seine organischen Formen locken Besucher in ein ehemaliges Hafen- und Industrierevier.

1992 gaben drei Weltereignisse der Architektur Impulse aus Spanien: Die Weltausstellung in Sevilla, Madrid als Kulturhauptstadt Europas und Barcelona als Austragungsort der Olympischen Sommerspiele. Das bescherte Spanien seit Mitte der achtziger Jahre einen Bauboom und ein Feuerwerk von Ideen junger Architekten. Santiago Calatravas Brücke in Sevilla (1990-92) etwa ist schon von weitem ein Blickfang, bündelt sie doch die Zugseile in einer harfenähnlichen Form. Insgesamt aber kommen die neunziger Jahre in der Ausstellung zu kurz.

Mit der noch vom ehemaligen Museumschef Wilfried Wang verantworteten Spanienschau endet die 1995 begonnene Ausstellungsreihe über europäische Baukunst des 20. Jahrhunderts. Der ursprünglich vorgesehene Abschluss mit Amerika fällt aus, da die Finanzierung nicht gesichert werden konnte. Neun Länder von Österreich bis Finnland, von Griechenland bis Portugal vermittelten erste Eindrücke und neue Anregungen. Doch das jetzige Finale, das sich über alle vier Museumsetagen zieht, wurde überfrachtet. Dem Überschwang der spanischen Formensprache hätte eine konzentriertere Auswahl gut getan, besonders für die Zeit zwischen 1930 und 1970 - und mehr Modelle. Das Thema Stadtplanung gar fällt gänzlich unter den Tisch.

Ingeborg Flagge, die neue Museumsdirektorin, kündigte denn auch an, kleinere Ausstellungen zu zeigen, die sich höchstens über zwei Etagen erstrecken. Die Länderreihe wird sie nicht fortsetzen, da sie das Projekt für "tot gelaufen" hält. Allerdings will Flagge in drei bis vier Jahren die Baukunst Australiens, Japans und der islamischen Moderne vorstellen. Die Finanzierung ist noch unklar. Wang indes hat sich seine verdienstvolle, ein wenig beliebig wirkende Europa-Reihe von den jeweiligen Ländern schenken lassen oder über Projekte - von Buchmesse bis Expo - gesichert.

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