Spaniens Eta : Eine kurze Geschichte der Angst

Einsam ist der Hass: Der spanische Schriftsteller Alvaro Colomer erklärt, warum die Waffen der baskischen Eta von nun an schweigen sollen.

Alvaro Colomer

Vergangenes Jahr gedachte Spanien des ersten Mordopfers der Eta. Am 27. Juni 1960 wurde ein 22 Monate altes Mädchen im Bahnhof Amarra in San Sebastián von den Splittern einer Bombe tödlich verletzt. Bis heute hat sich die Eta nicht zu dem Anschlag geäußert, und es gibt Historiker, die die Verantwortung einer anderen Gruppe zuschreiben. Man geht jedoch davon aus, dass die baskischen Terroristen schweigen, weil sie sich schämen, ein Baby umgebracht zu haben. Wie auch immer, das kollektive Gedächtnis der Spanier hat die Gräueltat als den Beginn der Eta gespeichert – einer Organisation, die bis heute mehr als 850 Menschen getötet hat, darunter zahlreiche Zivilisten.

Letzte Woche hat die Eta nun einen Waffenstillstand vorgeschlagen, der „permanent, umfassend und überprüfbar“ sein soll. Die Botschaft kam per Video: Drei Mitglieder der Eta sitzen in identischen schwarzen Anzügen mit gespenstischen Kapuzen und Baskenmützen an einem Schreibtisch. Neben ihnen die grün-weißrote baskische Flagge, hinter ihnen das Wahrzeichen der Eta, eine Axt mit einer Schlange: List und Härte.

Die Antwort des Staats auf die Waffenstillstandserklärung (es gibt ein Dutzend solcher Deklarationen) kam einen Tag später. Die Polizei nahm zwei Eta-Mitglieder fest. Spaniens Innenminister hatte das Video schon zuvor kommentiert: „Es ist eine gute Nachricht, aber nicht die, auf die wir gewartet haben.“ Das Problem war, dass die Eta den Waffenstillstand an Bedingungen geknüpft hatte: Spanien solle dem baskischen Volk endlich das Recht auf Selbstbestimmung gewähren. Aber weder die Regierung noch die Mehrheit der Spanier ist bereit, Forderungen einer Gruppe zu akzeptieren, die stark geschwächt ist und seit Jahren orientierungslos zu sein scheint. Man will keine Feuerpause. Nein, die Spanier wollen die komplette Auflösung der Eta. Niemand betrachtet diese Pistoleros mehr als eine Gruppe, die für Ideale kämpft. Es handelt sich nur noch um eine Bande von Halbstarken. Sie ist ein Anachronismus, ein absurdes Überbleibsel aus dem 20. Jahrhundert.

Die Eta („Euskadi Ta Askatasuna” – Baskenland und Freiheit) gründete sich 1959 als Widerstandsgruppe gegen die Franco-Diktatur und genoss die Sympathien vieler Spanier. Die Organisation bezeichnete sich als „baskisch-nationalistisch und marxistisch-leninistisch” und strebte die Unabhängigkeit von Euskal Herria an, einem Territorium, das aus Teilen des nordwestlichen Spaniens und des südwestlichen Frankreichs besteht. Franco hatte das Baskische, eine der ältesten Sprachen Europas, verbieten lassen. Die Namen der Basken wurden hispanisiert, jeder Ausdruck einer eigenen kulturellen Identität brutal unterdrückt.

1973 landete Eta ihren größten Coup, als sie den spanischen Ministerpräsidenten und designierten Franco-Nachfolger Luis Carrero Blanco in Madrid in die Luft sprengte. Doch als Spanien 1982 endgültig demokratisch wurde, löste die Eta sich nicht etwa auf, sondern mordete weiter, erpresste „Revolutionssteuern“ von Unternehmern und ignorierte den Willen der spanischen und weiter Teile der baskischen Gesellschaft.

Die Einsamkeit der Bande und die Zwecklosigkeit ihres politisch-militärischen Projekts offenbarte sich, als 1991 eine andere terroristische Organisation das Ende des bewaffneten Kampfes verkündete: Die linksnationalistische katalanische Terra Lliure legte die Waffen nieder. Für die Eta war das ein herber Schlag, weil die katalanischen Separatisten traditionell mit den baskischen verbündet waren.

Der Terror hat die Autonomie nicht befördert

Dabei hatte es immer eine entscheidende Differenz gegeben. Die katalanischen Separatisten richteten ihren Blick nach innen auf ihre Heimat, während die baskischen Separatisten nur das verhasste Spanien sahen. In meiner Jugend schloss ich selbst mich der Jugendorganisation von Terra Lliure an und nahm an einer Reihe geheimer Treffen teil. Damals war ich auf der Suche nach action.

Umso enttäuschter war ich, als ich Bäume pflanzen sollte, um die Wiederaufforstung Kataloniens voranzutreiben, wenn ich meiner Heimat wirklich nützen wolle. Ich wollte aber keine Bäume pflanzen, ich wollte Spanien angreifen. Erst mit den Jahren verstand ich: Seine Liebe zu Katalonien beweist man nicht, indem man Spanien sabotiert, sondern indem man Katalonien hilft, besser zu funktionieren. Der baskische Separatismus hingegen hat die Jugendbewegung Kale Borroka hervorgebracht, die in den baskischen Städten randaliert und die Filialen spanischer Firmen anzündet. Die entgegengesetzte Taktik hat zu entsprechenden Ergebnissen geführt: Katalonien ist heute der Unabhängigkeit von Spanien wesentlich näher als das Baskenland, das einem Polizeistaat gleicht.

So wurde die Eta neben der nordirischen IRA zur letzten Terrorgruppe Europas. Endgültig ins Aus stellte sie sich durch zwei Morde, die die Beziehung der spanischen Gesellschaft zur Eta bis heute prägen: Zuerst erschoss ein Eta-Terrorist 1996 den Juristen, Historiker und Schriftsteller Francisco Tomás y Valiente in der Universidad Autónoma de Madrid. Spanien war erschüttert, und aus der Erschütterung erwuchs eins der schönsten Symbole der spanischen Demokratie. Hunderttausende gingen mit weiß angemalten Händen auf die Straßen und riefen: Basta ya! – Schluss jetzt!

Im Juli 1997 entführte ein Eta-Kommando dann den konservativen baskischen Stadtverordneten Miguel Ángel Blanco. Er würde nur freigelassen, so die Forderung, wenn die spanische Regierung binnen 48 Stunden alle über das Land verteilten Eta-Häftlinge in Gefängnisse im Baskenland verlegen würde. In den folgenden zwei Tagen demonstrierten Hunderttausende für die Freilassung. Blancos. Vergeblich. Nach Ablauf der Frist wurde der 29-Jährige mit zwei Kugeln im Kopf sterbend aufgefunden. Ein neues Gefühl erfasste das Land: Überdruss. Man hatte keine Angst mehr vor der Eta, man ekelte sich vor ihr.

Die Abscheu nahm verschiedene Formen an, aber die herausragendste ist wohl die literarische. Die Eta hatte unzählige Journalisten und Intellektuelle erschossen, und bis heute trauen sich nur wenige Künstler, die Eta anzugreifen. Dennoch sind Bücher erschienen, die sich mit dem Terror auseinandersetzen. Unter den vier, fünf guten Autoren, die es gewagt haben, ragt einer heraus. Der Baske Fernando Aramburu veröffentlichte 2006 „Los peces de la amargura“ (Tusquets, Barcelona), eine Sammlung von zehn Geschichten, die ein furchterregend realistisches Fresko des Baskenlandes schaffen. „Sag deinem Mann, dass er seinen Posten aufgeben und abhauen soll. Falls nicht, kannst du die Totenmesse schon mal vorbereiten. Ihr seid gewarnt, unverschämtes Pack“, giftet etwa die Mutter eines getöteten Jugendlichen die Frau eines Lokalpolizisten an. An anderer Stelle räsoniert der Nachbar eines Stadtverordneten: „Es will mir nicht in den Kopf. Wenn er doch weiß, dass die Eta seinen Vorgänger weggebürstet hat, warum riskiert er das. Er gefällt sich wohl als Märtyrer?“

Aramburu erzählt das aus der Perspektive einfacher Menschen, und es gelingt ihm, das Angstklima spürbar zu machen, in dem die rund zwei Millionen Einwohner des Baskenlands leben. Dennoch: Der große Eta-Roman muss noch geschrieben werden.
Solange sich niemand daran macht, müssen wir uns mit den Erzählungen der spanischen Presse zufriedengeben, die sich zurzeit am Waffenstillstandskommuniqué abarbeitet. Die meisten Beobachter vermuten, dass es der Eta nur darum geht, die Richter davon zu überzeugen, ihren politischen Arm zu den Kommunalwahlen im Mai zuzulassen. Die Partei Batasuna ist seit 2002 verboten. Doch ihre Repräsentanten drängen darauf, sich wieder zu Wahlen aufstellen lassen zu können. Dazu müssten sie allerdings zunächst die Gewalt von Eta verurteilen. Bis das geschieht, waschen die Spanier ihre Hände in Unschuld.


Aus dem Spanischen von Philipp Lichterbeck. Alvaro Colomer, 37, lebt als Schriftsteller und Journalist in Barcelona. Zuletzt erschien von ihm 2009 im Verlag Alfaguara „Los bosques de Upsala“.

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