Kultur : Spanisches Pastell der Trauer

HELLMUTH KARASEK

Doris Dörrie ist eine großartige Geschichtenerzählerin, und so erzählt sie auch in ihrem Film Geschichten, Episoden, Zwischenfälle, menschliche Unfälle, auch solche der Seele - so daß der Film sein Thema nicht zusammenhängend erzählt, sondern er umkreist es, fängt es in Strömungen, abrupten Momentaufnahmen kurzer Begegnungen ein.Durch dieses Kreisen gerät der Film in den Sog seines Themas, das von Trennung, Liebe, Betrug handelt, von Wiederfinden der Erinnerungen, vom Altwerden, vom Sterben, vom Beschwören der Toten.

Eine Landstraße in Spanien, die vor Hitze flirrt.Auf ihr geht ein junges schönes Mädchen (Franka Potente), sie hat nur ein dünnes Kleid an, eine schmale Handtasche und eine Wasserflasche bei sich - sie wirkt wie verloren, wie ausgesetzt unter der gnadenlosen Sonne.Ein Auto mit einer deutschen Nummer hält, in dem Auto sitzt ein in den Kummerspeck gefallener Spießer (Peter Wöhler), der sie natürlich mitnimmt, als sie mit dem Daumen winkt.

Ein road-movie kann beginnen.Und nachdem der zerknautschte Mann herausgefunden hat, daß das Mädchen stumm ist (sie zeigt ihm ein entsprechendes Blatt Papier), kann er sich was herausnehmen.Er nimmt die Willige mit in ein Hotel und läßt sich von ihr mit seinem Gürtel auspeitschen - das Mädchen erfüllt dem Masochisten seine Wünsche mit kaltem Lächeln, in das dennoch eine Spur von Mitgefühl gemischt ist.

Die Stöhngeräusche des Geschlagenen scheint ein junger Mann (Steffen Wink) in einem Motel zu hören, und er ruft seine frühere Freundin (Anica Dobra) in Deutschland an, beschwört sie, wieder zu ihm zu kommen.Sie erzählt ihm, daß sie bald heiraten werde, einen anderen ...

Klaus, so heißt der einsame Junge, und die Stumme, die ihr Stummsein nur spielt (um in Ruhe gelassen zu werden?), zwei Einsame, nach Spanien Verschlagene, werden ganz am Ende so etwas wie ein Paar sein.Er wird ihre Tasche, die sie im plötzlichen Impuls anfangs aus dem Wagen geworfen hatte - so als wollte sie ein früheres Leben wegwerfen - finden, um schließlich sie zu finden.Auch dieser Augenblick ist im Film von Dörrie nur eine angedeutete, eine abgebrochene Geschichte.Muß man viele Wege, Irrwege gehen, um sich am Ende zu finden? Und ist dieses Finden von Dauer in einem Film, der von so vielen Verlusten und Enttäuschungen handelt und in dem nur die Erinnerung Momente des Glücks zu bescheren scheint?

Der Film erzählt seine Stimmungsepisoden bald voller Ironie, auch mit bösem Witz, öfter aber mit Trauer, und je länger man die Geschichten betrachtet, um so mehr spielt auch der Tod mit.Der verpfuschte Tod, beispielsweise.Da gibt es den Ehemann (Gottfried John), der vor der Ankunft seiner Frau seine Geliebte, die Studentin Jessica (Elisabeth Romeno) noch für eine schnelle Nummer in seine Wohnung nimmt, bevor seine Frau zurück von der Reise ist.Was er an der jungen Geliebten schätzt: sie ist so bequem und pflegeleicht, macht ihm keinerlei Schwierigkeiten.Das Mädchen steht auf, geht ins Bad, schneidet sich die Pulsadern auf.Als er sie entdeckt und ins Zimmer schafft, fleckt sie den ganzen schneeweißen Teppich, das blütenweiße Ehebett ihres Freundes mit Blut ein.John schafft sie, eher ungehalten als mitleidig, ins Krankenhaus.Auch will er sie schnell loswerden, weil ihm in Wahrheit wichtiger ist, seine Wohnung wieder sauber zu bekommen, damit nur ja keine Flecken ihn verraten.Die Szene, in der er verzweifelt in Wolken von Reinigungsschaum auf dem Boden herumkriecht, den Teppich zu säubern versucht, die Spuren beseitigen möchte, die Szene, bei der ihm schließlich seine Tochter komplizenhaft zu Hilfe kommt, zu seinem Glück, ist ein grotesk-schmerzlicher Höhepunkt des Films: hier wird deutlich, wie arm und kläglich Menschen sind, die mehr auf den Anschein und den sauberen Schein achten, als sich darüber Gedanken zu machen, wie und auf welche Weise sie andere Menschen verletzten.

Das klingt nach Traktat, und in gewisser Weise ist der Film ein Traktat, klug erzählt, vor allem da die Episoden-Schnitte der Geschichten oft mit Sarkasmus, mindestens mit melancholischer Ironie sich gegenseitig in Frage stellen und korrigieren: Während wir uns noch an den wild und verzweifelt den Boden schrubbenden Ehemann erinnern, eine Mischung aus Verzweiflung und wilder Entschlossenheit, hören wir kurz darauf von seiner Frau (Senta Berger), daß sie seit langem weiß, daß er ein Verhältnis hat.Seine Anstrengungen werden, wie die so vieler in dem Film, als absurd entlarvt.

Der Film endet mit einer Prozession, einem Kirchweihfest (der Karwoche), bei der katholischer Prunk und Pomp dennoch mit der Unzahl verbrennender Kerzen an den Tod, an die Vergänglichkeit erinnert.Der Reigen der Paare, wie von ungefähr Arthur Schnitzlers "Reigen" nachempfunden, wenn auch nicht frivol, sondern eher melancholisch und verzweifelt, endet, wie gesagt, in dem Finden eines Paares, das sich bei den Händen nimmt, um den Verstörungen zu entkommen, die die Lebensbrüche den Menschen bereiten.Der Film endet mit einer Erinnerung.Die betrogene Ehefrau, die Senta Berger mit einer Fülle von Melancholie und Lebensklugheit beglaubigt, sucht und findet ihren ehemaligen Geliebten in Spanien.Zunächst schaut er (Otto Sander) sie schroff und verständnislos an: er hat sein Gedächtnis verloren; doch dann bauen die beiden sich aus kleinen unsinnigen und beiläufigen Steinchen der Erinnerung das Mosaik ihrer Vergangenheit wieder auf - Glück ist das, was man aus der Vergangenheit holen muß.

Dörries Film, der meist mit Pastelltönen, Pastellgefühlen arbeitet und nur ab und zu kräftige, ja grelle Gegenstriche setzt, ist so etwas wie ein Abgesang: seine jungen Menschen sind seltsam alt, und seine Alten tragen (wie Dietmar Schönherr in einem etwas folkloristisch übersteigerten Melodram die Urne seiner Frau) den Tod mit sich herum.

Daß der Film gegen die Party- und Boutiquen-Welt Münchens mit aller Macht die herbe, aus dem Todesgefühl des Barock sich speisende Welt Spaniens auszuspielen sucht, wirkt, bei aller Eindringlichkeit, dennoch wie eine Anleihe.Müssen wir Deutschen uns unsere Gefühle, unsere Filmbilder bereits touristisch besorgen, weil das eigene Land nichts mehr hergibt?

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