Kultur : Spannende Analyse: Michael Ignatieff sucht Wege aus der Gewalt

Richard Herzinger

Die prekäre Lage im Kosovo ein Jahr nach der Nato-Intervention gibt den Gegnern einer offensiven westlichen Menschenrechtspolitik Auftrieb. Die universalistische Moral, auf der sie beruht, sei wirklichkeitsfern und anmaßend. Diese Ideologiekritik ist freilich ihrerseits pauschalisierend und klischeehaft. Sie suggeriert, die Politik supranationaler Überwachung humanitärer Mindeststandards sei das Produkt einer Hypermoralisierung des öffentlichen Bewusstseins in den westlichen Demokratien. Das Ideal von der einen Menschheit mache den Westen blind für die Komplexität ethnischer, religiöser und nationaler Traditionen, die sich in regionalen Konflikten gewaltsam entlüden. Die Massenmedien weckten mit ihrer plakativen und selektiven Darstellung ferner Katastrophen den Wunsch, das Unrecht auf dem ganzen Globus auszutilgen. Das Verlangen, dem Guten zu dienen und dem Bösen Einhalt zu gebieten, treibe den Westen in einen aggressiven Aktionismus.

Wer die präzisen Analysen des kanadisch-britischen Essayisten und Journalisten Michael Ignatieff liest, dem wird bewußt, auf welch abstraktem Niveau sich die Debatten um internationale Konfliktlösung, Menschenrechte und die Rolle der Medien zumeist noch immer bewegen. Weil die Ursachen gewalttätiger, unter der Fahne ethnisch oder religiöser Ziele ausgetragener Konflikte fremd und undurchschaubar wirken, ist die Verführung groß, sie für unslösbar und die Nichteinmischung für die einzige "realistische" Haltung zu erklären. Doch ein solcher "Realismus" ist, wie Ignatieff zeigt, nur die Kehrseite des moralischen Maximalismus, den er überwinden will. Während dieser den Gemengelagen von Interessen und Motiven ein ethisches Schwarz-Weiß-Schema überstülpt, ordnet sie jener in das nicht weniger projektive Muster angeblich unveränderbarer anthroplogischer Gegebenheit von Hass, Gewalt und Krieg ein.

Zwischen diesen Polen schematisierter Wahrnehmung schwankt die öffentliche Meinung in den westlichen Demokratien hin und her. Ignatieff zeigt jedoch, dass die enorme Bedeutung, die der humanitäre Diskurs zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewonnen hat, keineswegs nur den moralischen Überproduktionsbedürfnissen westlicher Wohlstandsgesellschaften geschuldet ist. In ihm spiegelt sich ein Lernprozess, den die aufklärerische universalistische Ethik seit ihrer Ausformulierung im 18. Jahrhundert durchgemacht hat: "Im 20. Jahrhundert gründet die Idee der allgemeinen Menschenrechte weniger auf Hoffnung, denn auf Angst, weniger auf Zuversicht angesichts der menschlichen Fähigkeit zum Guten, denn auf der Angst vor der menschlichen Fähigkeit zum Bösen, weniger auf einer Vision vom Menschen als dem Schöpfer seiner Geschichte, sondern auf der Vorstellung vom Menschen als des Menschen Wolf." Ein so aufgefasster, defensiver Universalismus wird durch die These, moralische Verpflichtung könne nur innnehalb konkreter Kontexte sozialer und kultureller Gemeinschaften verbindlich werden, keineswegs widerlegt. Denn, so fragt Ignatieff, "wie soll man dann jenen helfen, deren soziale und historische Beziehungen vollkommen zerstört worden sind?" Weil Opfer kontinentaler ökologischer Katastrophen oder von Völkermorden über keinerlei intakte Zusammenhänge mehr verfügen, "die imstande wären, für Rettung zu sorgen", ist "eine Ethik der universalen ethischen Verpflichtung unter Fremden notwendig geworden."

Ignatieff warnt jedoch davor, diese Verpflichtung auf die pure emotionale Identifiktation mit den Opfern zu stützen. Darin liegen Segen und Fluch des Fernsehens: dass es in kürzester Zeit weltweite Solidarität mobilisieren kann, durch seine suggestiven Bildangebote von Opfern in höchster Not aber Gefühle aufwühlt, die den Verstand zu überwältigen drohen. Sobald sich herausstellt, dass die Lösung der Probleme, die zur Katastrophe führten, weitaus schwieriger ist als die Parteinahme für die Leidtragenden, können diese Gefühle schnell in unbarmherzige Indifferenz umschlagen. Das Fernsehen fördert beides: Ethische Sensibilisierung und teilnahmslose Gewöhnung an den ewigen Schrecken. Man muss ihm daher ohne kulturkritische Voreingenmmenheit, aber auch mit wohldosiertem Misstrauen begegnen.

Ignatieffs Aufsätze bieten eine einzigartige, hinreißend spannende Verbindung zwischen Reportage und politisch-philosophischer Analyse. Sie beleuchten die Kriegsschauplätze im ehemaligen Jugoslawien, Somalia, Ruanda und Afghanistan. Diese Essays belegen, dass empirische Beobachtung und theoretische Durchdringung komplexer Zusammenhänge kein Widerspruch sein muss.Michael Ignatieff: Die Zivilisierung des Krieges. Ethnische Konflikte, Menschenrechte, Medien. Rotbuch Verlag, Hamburg 2000. 243 S., 34 DM.

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