Kultur : Sparkommissar mit Visionen

SANDRA LUZINA

"Ich bin mit dem Ehrgeiz nach Berlin gekommen, alle zu überzeugen." Gerhard Brunner, der Ende Januar zum Projektmanager des zu gründenden "Berlin-Balletts" bestellt wurde, haben die Berliner Verhältnisse in seinem Elan nicht bremsen können, im Gegenteil.Aus Graz, wo er noch bis 2000 als Intendant einem Drei-Sparten-Landestheater vorsteht, eilt er ab und zu für einen Tag oder einige Stunden herbei, um dem Ballett in Berlin das von Kultursenator Radunski so dringend gewünschte Hauptstadt-Profil zu verpassen.Und Brunner hat sogleich eine beschleunigte Gangart eingelegt; schneller als man es für möglich hielt, wurden die Weichen gestellt für die Umstrukturierung der Ballettszene, die dem Tanz die erhoffte Autonomie bringen soll.Kaum hatte der promovierte Jurist sein Amt angetreten, fand er sich nicht nur mit vagen Zielvorgaben, sondern mit einer Erblast an ungelösten Problemen konfrontiert.Auch im Kulturausschuß des Abgeordnetenhauses, wo Brunner unlängst Rede und Antwort stand, schlug ihm geballtes Mißtrauen entgegen.Die Frage steht im Raum: Ist Radunskis Ballettbeauftragter der dringend notwendige Erneuerer oder doch nur der Sparkommissar, ein Headhunter oder gar ein "Phantom der Oper", wie Alice Ströver von der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen mutmaßte.

Daß der entscheidende Impuls zu strukturellen Veränderungen aus der Notwendigkeit finanzieller Einsparungen resultierte, war aber von Anfang an klar.Auch Brunner.Das Projekt habe er immer als Teil des Sparauftrags verstanden, sagt der Tanzexperte und fügt hinzu: "Heute bin ich mehr denn je davon überzeugt, daß mehr Kunst für weniger Geld zu haben ist." So einen Mann muß der Senator einfach lieben, doch Radunski wird wohl schon gemerkt haben, daß dieser Berater seine eigenen Vorstellungen hat.

Glaubhaft wirkt Brunner durchaus, wenn er für die künstlerische und planerische Eigenständigkeit des Tanzes eintritt.Sein Modell sieht vor, daß die drei Ballettensembles unter dem Dach des Berlin-Balletts vereint werden, sie erhalten organisatorische und künstlerische Eigenständigkeit, bleiben aber den Opernhäusern zugeordnet.Daß die Situation sich an zwei Häusern zwischenzeitlich zugespitzt hatte, hat die Mission begünstigt, ihm unerwartete Verbündete beschert.Rasche Entscheidungen waren gefordert, und auch von seiten Brunners war nun Rat und Tat gefragt.Sein Engagement wird denn auch über die ursprünglich definierten Aufgaben hinausgehen.Als Nachfolger von Richard Cragun wird Brunner interimistisch das Ballett der Deutschen Oper leiten.Er fungiere aber nur als Platzhalter für Angelin Preljocaj, der im Jahr 2001 als Chefchoreograph in der Bismarckstraße einzieht.Das Ballettopfer, zu dem der aufgrund des 19-Millionen-Mark-Defizits angeschlagene Generalintendant Götz Friedrich überstürzt bereit war, konnte nach einer Zitterpartie gerade noch abgewendet werden.Das Haushaltskonsolidierungskonzept sieht nun eine Reduzierung der Tänzerpositionen von 46 auf 30 vor.15 Nicht-Verlängerungen wurden schon ausgesprochen, einige Tänzer verlassen das Haus auf eigenen Wunsch.Der 42jährige Franco-Albaner Preljocaj soll sich dann schon 2000 auf Wunsch Brunners mit einer großen repräsentativen Produktion an der Deutschen Oper vorstellen.

Auch in der Komischen Oper war schon darüber nachgedacht worden, ob man sich ein Tanztheater noch leisten könne.Die Auslastungszahlen waren auf erschreckende 30 Prozent gesunken, zugleich lastet ein verstärkter Druck auf dem Haus, Einnahmen zu erzielen.Intendant Albert Kost war der erste, der die Hand nach Brunner ausstreckte.Brunner traut Richard Wherlock, der in der nächsten Spielzeit das Leitungsteam Marc Jonkers und Jan Linkens ablösen wird, zu, daß er dem Haus neue Publikumsschichten erobert.Der Brite, ausgebildet an der renommierten Ballet Rambert School, versteht sich als moderner Choreograph mit klassischer Akzentuierung.Die beiden Chefchoreographen des künftigen Berlin-Balletts - Richard Wherlock und Angelin Preljocaj - seien seine Wunschkandidaten, betont Brunner.Auch mit dem von ihm sehr geschätzten Joachim Schlömer steht er weiterhin in Verhandlung.Der scheint sich über seinen künftigen künstlerischen Kurs nicht im klaren zu sein.Unabhängig von der Konstruktion des Berlin-Balletts will Brunner aber nach Wegen suchen, Schlömer nach Berlin zu holen.Dabei soll sogar an eine Zusammenarbeit mit Claus Peymann und dem Berliner Ensemble gedacht sein.

Trotz dieser vergleichsweise fortgeschrittenen Planung steht die Rechtsform des künftigen Berlin-Balletts gegenwärtig noch nicht fest.Favorisiert wird derzeit das Modell einer Stiftung des öffentlichen Rechts.Heftig nachgedacht wird momentan über die Verschlankung der Leitungsstrukturen, denn der befürchtete Koloß mit administrativem Wasserkopf soll das Berlin-Ballett nicht werden.

Der Start für das Berlin-Ballett ist für das Jahr 2001 geplant, Brunner aber will sich sputen: er hofft, ein oder sogar zwei Ensembles mit dem Label Berlin-Ballett in einem Pilotprojekt schon 1999 ins Rennen schicken zu können.Doch eine bisher nicht einnehmbare Bastion gilt es zu überwinden: Die Staatsoper Unter den Linden läßt derzeit wenig Bereitschaft zum Zusammenschluß erkennen, auch wenn sie sich Gesprächen nicht verweigert.In puncto Repertoire und Publikumszuspruch steht das Haus Unter den Linden ganz gut da, obwohl sich auch hier das Fehlen eines prägenden Choreographen bemerkbar macht.Statements aus dem Haus sind von Zurückhaltung und Vorsicht geprägt.Der Gedanke eines Berlin-Balletts sei "interessant und zweifellos diskussionswürdig", eine dezidierte Haltung dazu könne er noch nicht entwickeln, da die Planungen noch nicht konkret genug seien, ließ Intendant Georg Quander auf Anfrage wissen.Offensives Liebeswerben gepaart mit harter Überzeugungnsarbeit - damit will der diplomatisch auftretende Brunner die Lindenoper nun im Sturm erobern.Denn Sinn macht das Projekt Berlin-Ballett nur, wenn alle drei Ballettensembles mitmachen.Einen künstlerischen Partner hat er Daniel Barenboim schon zugeführt: bevor er an der Deutschen Oper installiert ist, wird Angelin Preljocaj ein Projekt an der Staatsoper realisieren.

Als ein Moderator, der um Überzeugung wirbt, definiert Gerhard Brunner sich selbst.Für Berlin erhofft er sich in erster Linie eine Differenzierung des Angebots.Mit Lin Hwai Min, dem Leiter des Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan, habe er zusammen Berlin erkundet, den taiwanesischen Choreographen möchte er für eine Produktion an die Deutsche Oper holen.Bedeutenden Ensembles sollen feste Residenzen geschaffen werden, so könne man dann womöglich auch den umworbenen Bill Forsythe nach Berlin locken.Das sei aber Teil der Hauptstadtkultur, hier richten sich auch Brunners Hoffnungen auf Michael Naumann.Tanz, so glaubt Brunner, ist ein gutes Medium in einer Stadt, die zusehends internationaler wird, dabei hat er keineswegs nur Repräsentation und Diplomatenkunst im Sinn.Das Berlin-Ballett sieht der österreichische Konsulent als nur einen Bestandteil der hauptstädtischen Tanzszene an.Auch bereits in Berlin ansässigen Choreographinnen wie Sasha Waltz oder Anna Huber bringt er eine hohe Wertschätzung entgegen.Keinen Hehl macht Gerhard Brunner trotz der Mühen und Widerstände mittlerweile daraus, daß er die Direktion dieses - wenn es denn kommt - ohne Vorbild dastehenden Mega-Balletts ausgesprochen reizvoll findet - allerdings unter einer Bedingung: Unabhängigkeit.

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