Kultur : Spaß macht Arbeit

Die Musikindustrie träumt von der Zukunft und hadert mit der Gegenwart. Ein Popkomm-Rundgang

Christian Schröder

Sie wippen mit den Füßen, nicken im Takt. Der Raum ist erfüllt von einem harten House-Beat und von Enthusiasmus. „Put Your Hands Up“ von Fedde Le Grande: ein Hit, garantiert. Im Palais unter dem Berliner Funkturm sitzen sechs so genannte Entscheider internationaler Plattenfirmen auf der Bühne und hören sich brandneue Dance-Tracks an. Der Schwede sagt: „Hat auch ein tolles Video, kann es in die Top 3 schaffen.“ „Um die Nummer in den Mainstream zu bringen, müssen wir noch etwas machen“, berichtet der Amerikaner. „Leute aus Eminems Team bauen für uns um die Hookline herum eine Rap-Version.“ Der Deutsche: „In den Clubs von Ibiza ist das schon der Knaller des Jahres.“ Man kann einiges lernen bei diesem Expertengespräch. In Russland gibt es keinen Markt für Singles, nur für Compilations und Alben. Die „Circus-Trans“-Strategie – die Wiederaufbereitung alter Pop-Erfolge für die Disco – funktioniert bloß noch in Amerika. Und in Deutschland sind Club-Titel besonders erfolgreich, wenn sie etwas Exotisches bieten, Froschgequake oder japanische Mädchenstimmen.

Die Musikindustrie wirkt sexy, weil unklar ist, wo genau die Arbeit endet und der Spaß beginnt. „Ich finde es immer noch gut, Party zu machen“, sagte Klaus Wowereit, als er die Popkomm eröffnete. 15 000 Fachbesucher und 800 Aussteller aus 48 Ländern kamen zu der gestern zu Ende gegangenen Veranstaltung nach Berlin, die weiterhin den Titel „größte Musikmesse der Welt“ für sich reklamiert. Italien, Kroatien, Lettland, Litauen waren erstmals vertreten, auch Sony BMG hatte einen einigermaßen gigantischen Stand aufgebaut, sodass von den großen Plattenfirmen, den Majors, jetzt nur noch die EMI fehlt. Drei Jahre ist es her, dass die Popkomm von Köln nach Berlin umgezogen ist. Der Umzug hat der Messe nicht geschadet, auch wenn sich ihr Charakter dabei von einer Publikums- zu einer Business-Veranstaltung wandelte. In Köln war für die Auftritte der Großstars der Stadtring gesperrt worden. In Berlin genügen kleine und mittlere Clubs für die Konzerte.

Die Phase des Gesundschrumpfens ist überstanden, es geht wieder aufwärts. So hätte die Botschaft lauten können, die die Branche gerne bei der Popkomm verkündet hätte. Seit der Jahrtausendwende hatte die Musikwirtschaft desaströse Jahre zu überstehen, es gab jährliche Umsatzeinbußen von bis zu 20 Prozent, bei den Plattenfirmen folgten die Entlassungswellen dicht aufeinander. Der Rückgang ist abgeflacht, 2005 betrug das Minus nur noch 6,6 Prozent. Aber die Verunsicherung sitzt tief, die Vermarkter fühlen sich hilflos gegenüber einer digitalen Wirklichkeit, in der Musik zum allgegenwärtigen, kostenlos verfügbaren Basisgut geworden ist. 2005 wurden in Deutschland 123 Millionen Alben verkauft und 405 Millionen privat kopiert. Internet-Tauschbörsen wie Napster oder Gnutella wurden von der Industrie aufgekauft oder geschlossen, trotzdem liegt der Anteil der legal aus dem Netz geladenen Titel bei maximal einem Prozent.

Die Software wird immer intelligenter, inzwischen stellen Suchmasken dem Verbraucher das gewünschte Musikrepertoire zusammen. „Die Anbieter nennen es eine Revolution, wir nennen es Schmarotzertum“, schimpfte Phonoverbandsgeschäftsführer Peter Zombik. Die Musikfirmen setzen ihre Hoffnungen auf die Politik. Ein Entwurf für den „2. Korb“ des Urheberrechts ist in den Bundestag eingebracht und könnte im nächsten Jahr ratifiziert werden, außerdem wartet eine „Durchsetzungs-Direktive“ aus Brüssel darauf, in nationales Recht umgesetzt zu werden. Doch von einer einheitlichen Position sind die Fraktionen, das zeigte eine Diskussion im Konferenzprogramm der Popkomm, weit entfernt.

Bislang war es erlaubt, von einer gekauften CD bis zu sieben „private“ Kopien zu ziehen, soll es künftig nur noch eine sein? Hans-Joachim Otto (FDP) hält eine solche Regelung für „nicht durchsetzbar“. Beim Kauf von Kopierern und Computern wird eine Urhebervergütung von bis zu 5 Prozent erhoben, was ist, wenn die Preise weiter verfallen? Die hochtrabendsten Träume tragen englische Titel, einer lautet „Digital Rights Management“. Digital Rights Management soll für die individuelle und gerechte Entlohnung der Rechteinhaber sorgen. Darauf zu setzen, so Katja Husen (Bündnis 90/Die Grünen), sei vollkommen illusionär, „es wird nicht funktionieren“.

Alles könnte so schön sein. Die Spätsommersonne scheint auf die Besucher, die sich vor den Messehallen entspannen, drinnen, in der marmorverkleideten Eingangshalle, legen DJs auf. Großbritannien hat Feargal Sharkey zur Popkomm entsandt, der vor einem Vierteljahrhundert Popstar bei der Band The Undertones war und den Klassiker „Teenage Kicks“ schrieb. Seine Stimme klingt noch immer rau und rispelig, jetzt stimmt er im Stakkato ein Loblied auf die Pop-Marktwirtschaft an. Zwei Millionen Menschen arbeiten in seinem Land für die „Creative Industries“! Das sind mehr als in Stahl- und Autoindustrie zusammen! Höchste Wachstumsraten! Eine Million Gitarren wurden allein 2005 verkauft! Immer mehr Schüler musizieren, immer mehr Pubs bieten Livemusik an!

Aus Brasilien ist Gilberto Gil gekommen, der Popstar und Kulturminister. Er trägt Anzug, Krawatte und den berühmten Rastazopf. Der Singsang seines Vortrags ist von Euphorie befeuert. Er schwärmt von den 350 verschiedenen Rhythmen, die in seiner Heimat erfunden wurden, zitiert eine Umfrage, in der 62 Prozent der befragten Brasilianer angaben, Musik mache sie am meisten stolz. „Brazil sounds like music.“ Musik als Ausdrucksform, Mittel zum Aufstieg und dynamischer Wirtschaftsfaktor. Im nächsten Februar wird das Land zur ersten internationalen Musikmesse einladen, sie endet fünf Tage vor dem Karneval.

Der deutsche Kulturstaatsminister heißt Bernd Neumann, einen Rastazopf kann man sich bei ihm nicht vorstellen. Er spricht über die Marktsituation der Musikbranche, sah „Anlass zu der Hoffnung, dass das Tal der Tränen bald durchschritten ist“ und schwärmt von den Bands Silbermond und Juli sowie der Sängerin Annett Louisan, die er bei einer Preisverleihung in Cannes persönlich kennenlernen durfte. Es wird wohl noch lange dauern, bis der Satz „Germany sounds like music“ Gültigkeit erlangen dürfte. Immerhin gibt es seit drei Jahren das Büro „German Sounds“, das von Berlin aus den Export deutscher Musik fördern soll. Es sei allerdings, kritisierte Neumann, „hinter den Erwartungen zurückgeblieben“. Nun setzt er auf eine „Initiative Musik“.

Das meist gebrauchte Wort bei dieser Popkomm war „Creative Industries“. Creative Industries erfinden sich ständig neu und schaffen dabei ganz viele Arbeitsplätze. Mit dem schwerfälligen Begriff „Kreativitätswirtschaft“ lässt sich dieses Phantom nicht fassen. „Politiker müssen dringend Pop lernen“, sagte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil bei einer Diskussion.Aufruf an alle Abgeordnete: öfters mal neue Popsongs auf den IPod laden. Es muss nicht Annett Louisan sein.

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