Kultur : Spatz in der Hand

WETTBEWERB Der Thriller „Lady Jane“

Christina Tilmann

Es ist die Berlinale der entführten Kinder. Die junge Leslie in „Gardens of the Night“, der kleine Tom in „Julia“, und nun Martin in Robert Guédiguians film noir „Lady Jane“. Nur einmal sieht man ihn, und schon ist er tot. Brutale Entführungen allesamt, gezeigt ohne Schonung der Kinder. Und ohne Mitgefühl.

Seltsame Kälte, mit der die Regisseure Damian Harris, Erick Zonca und Robert Guidiguian zur Tat schreiten und die Kinder benutzen wie Gepäck, wie Verschiebematerial zwischen den Parteien. Seltsame Kälte auch, mit der in „Lady Jane“ Mutter Muriel (Ariane Ascaride) die Entführung ihres Sohns, die Tage des bangen Wartens hinnimmt. Kein Zusammenbruch, nicht einmal eine Träne: Diese Lady in Black geht durch ihr Leben, durch den Film unbewegt wie eine Killerin. Sie ist es auch.

Dabei fängt alles so unbeschwert an: Sonne, Marseille, fröhliches Straßenleben, ein jugendliches Gangster-Trio hat einen LKW voller Pelzmäntel geklaut und verteilt den Stoff unter den Anwohnern des Viertels. Ein bisschen Robin Hood, ein bisschen Vorstadtkomödie, dazu die Rolling Stones: „Lady Jane“. Das hat Rhythmus, Schwung und Witz.

Jahre später hat sich alles verdüstert. Muriel ist inzwischen Inhaberin einer Parfümerie im idyllischen Aix-en-Provence, während sich ihre Mitstreiter von damals als Fischer und Barmann durchschlagen. Die Freundschaft, das Trio von damals ist zerbrochen. Die Vergangenheit scheint begraben. Und der Film spielt hauptsächlich in der Nacht, dunkle Straßen, dunkle Bilder.

Ein finsterer Thriller, den der französische Regisseur Robert Guédiguian, der schon vor zwei Jahren mit dem Mitterand-Porträt „Le promeneur du champs de Mars“ im Wettbewerb vertreten war, verheißungsvoll beginnen lässt, als Geschichte der unausgesprochenen Liebe, der lakonischen Gangster, der verschwiegenen Motive. Doch allzu schnell setzt der Film den Zuschauer auf die Fährte – auch wenn die Protagonisten ewig brauchen, bis sie verstehen. Die Auflösung ist brutal. Überraschend ist sie nicht.

Es ist auch die Berlinale der Spatzen: ein Spatz als Unglücksbringer in Johnnie Tos „Sparrow“, ein Vogelnest in „The Song of Sparrows“, und nun ein Spatz, mit dem Muriel redet, als sei es Martins Seele. Spatzen-Filme, überall. Man hätte ganz gern auch mal einen Falken gesehen. Christina Tilmann

Heute 9.30 und 21 Uhr (Urania)

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