Kultur : Spaziergang im Kopf

Licht und Luft: Fosters Bibliothek in der FU gewinnt den Hauptpreis

Bernhard Schulz

Wenn Spitznamen zeigen, dass ein Gebäude in Berlin „angenommen“ worden ist, dann hat die Philologische Bibliothek der Freien Universität schon vor der Fertigstellung ihren Platz erobert: „The Berlin Brain“, das Berliner Hirn, wurde sie schon zu Bauzeiten genannt. Der Architekt, Norman Foster, lässt offen, ob er sich beim Entwurf tatsächlich an der Form eines menschlichen Gehirns orientiert hat – er zeigte sich amüsiert, als er den Spitznamen hörte.

Doch nicht nur im übertragenen Sinne ist die Bibliothek das Hirn der umgebenden Institute. Auch architektonisch ist der sogenannten Rostlaube ein Mittelpunkt entstanden. Gerade darin liegt eine wesentliche gestalterische Leistung Fosters, denn die Rostlaube selbst zeichnet sich gerade durch das Fehlen eines Zentrums aus. In ihrem ersten Bauabschnitt 1973 eingeweiht, weist sie zurück auf die Sechziger und ihren Wachstumsoptimismus. So sollten auch die FU-Institute unbegrenzt erweiterbar sein, entlang von rechtwinklig angelegten „Straßen“ und um unterschiedlich große, aber strukturell gleichartige Innenhöfe herum.

Generationen von Studenten haben sich in diesen Straßen verirrt. Dass der Zahn der Zeit entgegen den Erwartungen der Ingenieure an der Rostlaube nagte, machte eine Komplettsanierung notwendig – und eröffnete die Chance auf den Einbau der durch interne Umstrukturierungen und digitale Revolution erforderlich gewordenen Zentralbibliothek. Den Wettbewerb gewann das Büro Foster 1999, der Bau begann 2001.

Im vergangenen Jahr konnte das 64 Meter lange, 55 Meter breite und 19 Meter hohe Bauwerk eröffnet werden, das unter seiner lichtdurchlässigen Kunststoffhülle fünf Nutzerebenen mit unterschiedlichen Grundrissen vereint, die drei oberen in Wellenformen gekurvt. Auf 6300 Quadratmetern Nutzfläche stehen 700 000 Bücher im Freihandverkehr bereit, einzusehen an 636 Leseplätzen, die an den Außenseiten angeordnet sind und von Tageslicht erhellt werden. Damit es möglichst wenig verschatteten Innenraum gibt, sind die Leseebenen symmetrisch zu beiden Seiten einer Mittelachse angeordnet.

Der Preis für diese Offenheit ist neben dem höheren Geräuschpegel allerdings der beständige Wechsel der Ausblicke. Wie wichtig ihm Umwelt- und Energieeffizienz sind, hat Foster schon beim Umbau des Reichstags gezeigt. Mit der Bibliothek variiert der 91-jährige britische Stararchitekt sein Thema des „größtmöglichen Innenraums bei kleinstmöglicher Außenfläche“, wie er es spektakulär beim „Swiss Re“-Hochhaus in London vorführt. Zudem verfügt die Bibliothek über ein ausgeklügeltes Klimasystem, das über zwei Drittel des Jahres mit der natürlichen Lüftung auskommen soll und sich dabei die vorherrschenden Westwinde zunutze macht. Die doppelschalige Membran, als die die Gebäudehülle ausgebildet ist, leitet die verbrauchte Luft zum Gebäudescheitel. Um 35 Prozent geringere Betriebskosten versprechen die Ingenieure.

Unter den zahlreichen Bibliotheksbauten, die in den vergangenen Jahren gerade in Deutschland entstanden sind, sticht Fosters Entwurf durch die enge Einbindung in eine vorhandene, so ganz anders konzipierte Gebäudestruktur hervor. Durch den Wegfall eines gesonderten Eingangsbereiches und einer signalhaften Fassade – wie sie die beiden ostdeutschen Bibliotheksneubauten der Schweizer Herzog & de Meuron auszeichnen – konnte sich Foster ganz auf die Nutzungsabläufe und das Gebäudemanagement konzentrieren. Damit kommt er den Gedanken des Rostlauben-Entwurfs näher, als der erste Anschein vermuten lässt. Die damaligen Architekten, Candilis, Josic und Woods, haben mit ihrer Vision einer Mikrostadt den jungen Foster beeindruckt. Mit Hochachtung spricht er von ihnen wie auch dem französischen Neuerer Jean Prouvé, von dem die Idee der gleichförmigen Stahlpaneele der Fassade stammt.

Vernetzt ist die Bibliothek nicht nur architektonisch, sondern auch technisch. Überall lassen sich Laptops anschließen, alle Bestände sind digital zu recherchieren, WLAN ist auf dem Campus selbstverständlich. Die „Gehirn“-Metapher trifft also doppelt zu, in der visuellen Erscheinung wie in der Funktionsweise einer Bibliothek, in der das gute alte Buch seinen Platz findet wie ein Freund aus vergangenen Tagen.

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