SPD : Furcht und Mitleid

Die Sozialdemokratie nach der Bundestagswahl – ein bürgerliches Trauerspiel.

Jan Schulz-Ojala
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Übervater, Urgestein. Rainer Fettings Willy-Brandt-Statue in der Berliner SPD-Zentrale ist in den TV-Wahlberichten oft im...ddp

Eine Volkspartei braucht Macht. Vor der Bundestagswahl aber, in die das Volk so bleiern wie nie hineinging und die ein stahlhartes Ergebnis brachte, hatte die SPD eine Partnerschaft mit der Linken genauso ausgeschlossen wie die FDP ein Zusammengehen mit der SPD. Rot-Grün allein würde nicht zur Mehrheit reichen, und eine Fortsetzung der großen Koalition hätte der SPD wieder nur den prekären Job als Juniorpartner zugewiesen. Machttaktisch gesehen gab es also keinen vernünftigen Grund, SPD zu wählen.

Eine Volkspartei braucht das auf Überzeugung basierende Vertrauen jener breiten Wählerschichten, zu denen ihr Programm und Profil passt. Mit den Hartz-Gesetzen und der Rente ab 67 aber hatte die SPD das Vertrauen ihrer klassischen Hauptklientel, der Arbeiter und Angestellten, verspielt. Die Strategien zur Belebung des Arbeitsmarktes und zur Rettung der Rentenkassen mochten volkswirtschaftlich vernünftig sein, waren aber psychologisch fatal: Sie verrieten das sozialdemokratische Prinzip der Solidarität mit den Schwachen und bedrohten die Stammwähler zugleich mit individuellen Härten – ökonomisch bei Jobverlust und gesundheitlich durch die endlos anmutende Ausschlachtung ihrer Arbeitskraft. Wahrlich auch kein Grund, die SPD zu wählen.

Dennoch ist ein geradezu anrührendes kleines Wunder geschehen, das das postplebiszitäre Heulen und Zähneklappern der deutschen Sozialdemokratie ansatzweise Lügen straft. Sicher, sechs Millionen Wähler, so viele wie noch nie zuvor, sind ihr davongelaufen – allein ein Drittel davon wählte den stillstmöglichen Streik des Nichtwählens, der Rest floh verblüffend gleichmäßig in die vier relevanten Lager der Konkurrenz.

Das Glas aber ist immer noch mehr als halb voll: Obwohl der klassischen sozialdemokratischen Klientel die machttaktischen und programmatischen Gründe dafür fehlten, haben zehn Millionen Deutsche – zwanzigmal mehr, als die Traditionspartei (noch) Mitglieder hat – die SPD gewählt. Millionen haben sie vom Sockel gestürzt, aber noch mehr Millionen haben sie vorm finalen Absturz gerettet. Die einen haben sie in Scherben geschlagen, die anderen sammelten die Scherben auf. Warum nur haben das so unglaublich viele Leute getan?

Weil sie die Tragödie der traditionslinken, aber längst in der politischen Mitte verankerten Partei vorausahnten und die Folgen einer möglicherweise massiven Wählerabwanderung zu minimieren trachteten. Weil sie um die Balance der beiden großen Volksparteien fürchteten, die seit Jahrzehnten politische Stabilität garantiert. Weil sie, ja, Mitleid hatten mit einer Partei, die zwar böses Misstrauen bei ihren Stammwählern heraufbeschwor, aber bis zuletzt das gesellschaftlich Gute wollte.

Die SPD bietet den Stoff für das bürgerliche Trauerspiel dieser Tage, mit einem Prolog, der eine ganze Legislaturperiode dauerte und von Müntefering über Platzeck über Beck über wieder Müntefering drei episodische Parteivorsitzende gnadenlos verschliss. Ein bürgerliches Trauerspiel? Das ist jene Kunstform, mit der Lessing, der große deutsche Bühnenautor der Aufklärung, seine auf Aristoteles gründende Dramentheorie weiterentwickelte. Furcht und vor allem Mitleid sollte die zeitgemäße Tragödie auslösen, zwecks moralischer Veredelung des Publikums: „Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch“, schrieb Lessing. „Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter.“ Wie passend das tönt: Solidarität, also die sozial verträgliche Strategie zur Überwindung gemeinsamen Leids, ist die ideologische Wurzel der Sozialdemokratie schlechthin – und ist es geblieben, auch wenn sie ihre proletarischen Anfänge längst hinter sich gelassen hat.

Es mag ein schwacher Trost für die SPD sein, aber zweifellos haben viele ihrer Restwähler zumindest die für die Stimmabgabe entscheidenden Motive – Furcht und Mitleid – vorauseilend bei Lessing bezogen. Angesichts des dennoch katastrophalen Ergebnisses reicht das Mitleid nun sogar weit in jene Wählerschichten hinein, die sich anders entschieden haben, und es hat sogar zu einem Schub von Parteieintritten geführt. Natürlich mutet es kurios an, Mitleid mit einer Partei zu entwickeln, die einst selbst das Prinzip Mitfühlen zu ihrem Programm machte. Auch macht pures Mitleid SPD-Wähler und deren nachträgliche Schmerzenssympathisanten keineswegs zu besseren Menschen. In Sachen Wahlmotiv aber dürfte es als die vornehmste, weil selbstloseste Form plebiszitärer Taktik durchgehen – wenn es einmal an der rechten Überzeugung fehlt.

Die SPD selbst allerdings hält es jetzt wohl besser mit Aristoteles und den Lehren der antiken Tragödie selbst. Dessen „eleos“ und „phobos“, das Lessing zwecks moralischer Erhöhung mit „Furcht und Mitleid“ übersetzte, zielt eher auf den „Jammer und Schrecken“, den das Publikum während der Vorstellung durchlebt. Am Wahlabend war die SPD selbst zum fassungslosen Zuschauer ihrer eigenen Tragödie geworden. Jetzt bleibt ihr nur das, was auf das Bild des Jammers folgen muss: die Katharsis.

Wie gut, dass Aristoteles diese „Reinigung“ nicht wie der moral- und vernunftgeleitete Lessing gleich zur ethischen Veredelung des Menschen instrumentalisiert. Der Horror des durchlittenen Geschehens soll in die Erleichterung münden, dass man es überstanden hat, in ein Gefühl der Befreiung und die Freude darüber. Politisch ist das allemal sofort brauchbar – sofern denn die schwer gerupften Akteure Kampfkraft und Vitalität wiedergewinnen wollen.

Versuche hierzu werden, wie man sieht, in verblüffendem Tempo unternommen (siehe Dritte Seite). Eilig räumt die SPD jenes Personal beiseite, das die Katastrophe mitverschuldete – und vor lauter Staub in der Arena ist noch kaum zu erkennen, wer den Ressourcenverlust wird ausgleichen können. Die neuesten Weichenstellungen nähren sogar den Argwohn, dass in höchster Not bereits die ersten fatalen Besetzungsfehler gemacht werden. Eben noch prügelte sich der nachdenkliche Kanzlerkandidat Steinmeier in die Rolle des wahlkämpfenden Phrasendreschflegels hinein, und nun soll er die Plenar-Rampensau geben, die zum Jobdes Oppositionsfraktionschefs gehört? Und ausgerechnet der an Rampensau Schröder geschulte Rhetoriker und Polemiker Sigmar Gabriel soll als Parteivorsitzender den wegweisenden Moderator mimen?

Egal, wer künftig was macht: Die Aufgabe, die sich der SPD nunmehr in der geradezu zerklüftet fraktionierten parlamentarischen Opposition stellt, ist so enorm, dass sie schon fast wieder Mitleid erregt. Hier die Linke mit einem Ex-Sozi als Chef, der sich als Ferdinand Lassalle der deutschen Arbeitslosenbewegung inszeniert, dort die Grünen, deren Gründung einst der sozialdemokratische Law-and-Order-Kanzler Helmut Schmidt beförderte und die ihre Überzeugungswähler solide mobilisieren. Und draußen vor der Tür des Parlaments rumoren schon die Piraten – jene digital natives, die zwar die Grünen wie Öko-Opas erscheinen lassen, doch selber nur das jüngste Fleisch vom Fleische der einst linken, sozialen, gerechtigkeitsbewussten SPD sind.

In diesem Trio der quasi innerparteilichen Opposition wird die SPD nur dann Spitze, wenn sie einen heute irrwitzig anmutenden Widerspruch überzeugend überwindet. Sie muss so hurtig wie möglich die Linke ihres Todfeinds Lafontaine in die Bündnisfähigkeit hinüberzähmen, ohne die politische Mitte vollends preiszugeben. Sonst ist es vorbei mit der Regierungsfähigkeit und der Volkspartei. Und mit dem Wählermitleid auch.

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