Kultur : SPD und PDS: Frontenstadt

Brigitte Grunert

Kennt der SPD-Bundesvorsitzende und Kanzler Berlin? Kennt der Mann aus Hannover die hiesigen Mentalitäten? Gerhard Schröder hat den Berliner SPD-Spitzen Klaus Wowereit, Peter Strieder und Klaus Böger sein Ja für den Weg aus der Großen Koalition gegeben, zumindest mit der Formel, dass die Landesverbände über Koalitionen selbst entscheiden. Nun gehen sie mutig den riskanten Weg. Riskant, weil die Stimmung in der Stadt ambivalent ist.

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Fototour: Die Bilder der Krise Nicht nur die CDU bekommt den Volkszorn über die Bankenaffäre und die Haushaltskrise ab, sondern auch die SPD, die zehn Jahre mit ihr im Koalitionsboot saß. Die Nachwehen der Filz- und Korruptionsskandale, die unter dem Namen "Antes-Affäre" in der Stadtchronik stehen, fegten Anfang 1989 die CDU/FDP-Koalition unter Eberhard Diepgen hinweg.

Trotzdem bekam Rot-Grün nie Boden unter die Füße. Und mit der ersten Einheitswahl Ende 1990 war Eberhard Diepgen wieder da. Auch nach den Neuwahlen, die SPD, PDS, Grüne und FDP jetzt für dringend geboten halten, kann es große Enttäuschungen bei der neuen Regierungsallianz geben. Gregor Gysi ist ein Star, aber nicht die PDS. Dass sich der FDP-Landesvorsitzende mit ihm verbündet hat, stört Konservative.

Wie ein Märtyrer

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Fototour: Die Bilder der Krise Egal, wer regiert, Berlin bleibt Berlin, eine konservative Stadt mit ausgeprägtem Sicherheitsbedürfnis. Das hat mit der Vergangenheit zu tun. Im Osten hatte man wenig, aber das Wenige mit Sicherheit. Im Westen hatte man viel, aber das Viele in der Selbstgewissheit, dass es einem zustand, weil man als Klammer der Nation Gutes tat wie ein Märtyrer. Was ein richtiger Blockade- und Mauer-Berliner ist, der weiß, warum Antikommunismus Ehrensache ist. "Dann geht doch in den Osten drüben", schallte es den Achtundsechzigern entgegen, obwohl die mit der SED auch wieder nichts am Hut hatten. Die einstigen CDU-Nachwuchspolitiker Eberhard Diepgen und Klaus Landowsky waren Anti-Achtundsechziger, die SPD-Linken nicht.

Etwa die Hälfte der Berliner Wahlbürger hat den Mauerbau am 13. August 1961 erlebt. Sie wissen in Ost und West, wie deprimierend die Abriegelung war, wie Familien und Freundschaften auseinander gerissen wurden. Sie wissen, welche "Russen-Angst" sie hatten. In den Ost-Ländern sind die anderen Parteien mit der PDS unter sich, in Berlin stoßen Fronten aufeinander.

Nun weiß auch in Berlin mittlerweile jedes Kind, dass es keine Kommunisten mehr gibt. Kann also die CDU noch nach altem Muster eine jüngere Generation ansprechen? Die Union setzt darauf, dass tief in der Volksseele die Narben sitzen. Und deshalb heißt es trotzig: Mit der SED-Nachfolgepartei nicht! Im Osten ist die PDS mit 39,5 Prozent bärenstark aus der Wahl 1999 hervorgegangen, im Westen mit kläglichen 4,2 Prozent. Preisfrage: Kann die PDS, deren Anhängerschaft rein biologisch schrumpft, weiter neue Anhänger gewinnen?

Bei Brandt trennten sich die Geister

Berlin ist mit seinen äußeren Krisen immer prima fertig geworden, mit den inneren seit den siebziger Jahren nicht so gut. Die sowjetische Blockade der West-Sektoren 1948/49, das Chruschtschow-Ultimatum 1958, aus West-Berlin eine freie Stadt ohne Schutz der Westalliierten zu machen, der Mauerbau: Die Berliner stemmten sich den Bedrohungen mit Wucht entgegen, alle Parteien, Unternehmer, Gewerkschaften, Kirchen, die Presse. Es fiel nicht allen leicht, die Kurve der Brandtschen Entspannung zu kriegen, auch nicht allen SPD-Anhängern. Nun trennten sich die Geister, die CDU blieb bei ihrer strammen Linie, der Axel-Springer-Verlag sowieso - bis heute. Als die Alternative Liste 1981 ins Abgeordnetenhaus einzog, der auch frühere Vertreter von (kommunistischen) K-Gruppen angehörten, wenngleich jenseits der SED, galten ihre Parteigänger bestenfalls als unernste Spontis, ihr "sozialistischer Flügel" als nicht geheuer.

West-Berlin - die Schreibweise war eine patriotische; sie stand für die traurige Teilung einer zusammengehörenden Stadt. Im Osten schrieb man "Westberlin" als Zeichen der "selbstständigen politischen Einheit". Selbstverständlich war auch der Tagesspiegel strikter Anhänger der Bindestrich-Philosophie. Sehr langsam ging die CDU auf den Kurs der Entspannungspolitik, aber dafür bedurfte es eines Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker, der sich mit Honecker traf - als "deutscher Politiker".

Dann kam die alle beseligende Nacht des Mauerfalls - und der scharfe Wind der Veränderungen, wo man doch Experimente so gar nicht liebte. Als der Regierende Walter Momper meinte, man müsse nun auch die Mauer aus den Köpfen verbannen, wurde er gar nicht recht verstanden. West-Berlin litt plötzlich unter Liebesentzug, in Ost-Berlin wurde auf einmal alles, aber auch alles anders. Die Stadt hat sich gehäutet; sie hat es noch nicht verkraftet. Diepgen wusste, warum er immerfort von seinem Verständnis für "Zumutungen" sprach.

Die Große Koalition hat in den zehn Jahren seit der Einheit eine Menge alter Strukturen unter dem Diktat der Finanznot geändert. Die SPD hat unter innerparteilichem Gezeter den Modernisierungsmotor in der Wahlperiode 1996 bis 1999 angeworfen, aber mit Pauken und Trompeten die Wahl verloren. Die CDU hat den Motor zu drosseln versucht und damit Wahlgewinne gemacht. Und zehn Jahre hat sie die SPD als unsicheren Kantonisten hingestellt, der sich mit der PDS des Teufels einlassen würde.

Jetzt tut sie es wohl. Mal sehen, ob die bröckelnden Mentalitätsmauern noch standhalten.

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