Kultur : Spenden-Ausschuss: Ironische Glosse

Thomas Lackmann

Man kann ja nicht immer Tucholsky zitieren, diesen Unkenrufer, der in den 20er, 30er Jahren so schonungslos aufgespießt hat, wie Bürger und Beamte die eigene deutsche Republik Nr. 1 verachteten. Inzwischen haben wir Fortschritte gemacht. Die deutsche Republik Nr. 2 hält Fehltritte ihrer Bürger und Beamten schon seit ein paar Jahrzehnten aus, selbst ein deftiger Skandal - so war vor Monaten zur Parteispendenaffäre zu hören - dient noch der Bestätigung des Systems: weil unsere Demokratie offenbar über genügend Mittel verfügt, mit schwarzen Schafen fertig zu werden. Trotzdem muss der 1945 begonnene reeducation-Lernprozess weitergehen. In diesem Sinne ist es positiv zu bewerten, dass ein Autofahrer, welcher an einer Autobahnkamera zwar ohne Verkehrssünde vorbeigefahren war, der Kamera aber den so genannten Stinkefinger zeigte, jetzt durch das Bayerische Oberste Landesgericht verurteilt wurde. Dieses Urteil zeigt, dass amtliche Kontrollregeln (gekoppelt mit aktueller Technologie) die Welt irgendwie sicherer machen. Zweitens beweist es, dass Ausreden nichts bringen, denn das Gericht schlug dem Angeklagten seine Schutzhauptung, er habe die Kamera für ausgeschaltet gehalten, um die Ohren. Drittens erfahren wir, welche Achtung amtierenden Repräsentanten der Exekutive gebührt, denn eine Verhöhnung sensibler, mit der Filmauswertung befasster Amtspersonen ist laut Urteilsbegründung auch über das Medium Kamera möglich. Damit wird viertens betont, dass ein Gemeinwesen nur durch Regeln des Respektes zusammenhält, der vor allem jenen gebührt, welche die Gewalt ausüben, deren Ausgang vom Volke die Basis unserer Verfassung bildet.

Helmut Kohl hat es nicht nötig, seinem Souverän (dem deutschen Volke) den pfälzischen Stinkefinger zu zeigen. Man stelle sich vor: Der Altkanzler, wie er den Untersuchungsausschuss samt Journalistenmeute mustert, plötzlich gelenkig eine Drehung vollzieht und den Kameras sowie den Vertretern des Bundestags dieses beleidigende Glied der Neuen Mitte präsentiert ... Nein, physisch hat er sowas nicht getan. Die Fragen des Ausschusses, der sein Volk vertritt, hat er nach bestem Gewissen beantwortet; keine Vorabsprachen zur Behinderung der Untersuchungsarbeit mit Zeugen und Ausschussmitgliedern hat er getroffen. Er trug eine Krawatte, zeigte Wohlverhalten, beschwerte sich allerdings über die Auslassung seines Doktor-Titels durch einen Journalisten und über das unanständige Verhalten der Ausschussmehrheit, die ihn ruinieren wolle. Spätestens an dieser Stelle sollte die freiheitlich-demokratische Empfindsamkeit der Bürger im Lande erwachen. 1200 Mark musste der bayerische Videoschänder berappen; wann endlich werden auch die unanständigen Ausschuss-Männer Ströbele und Neumann zur Kasse gebeten? Wie lange will sich der Souverän diese Verhöhnung des Anstands gefallen lassen? Wieso demonstriert er nicht? Boykottiert Wahlen? Wirft faule Eier? Demokratie, sagt man, sei Herrschaft des Volkes über das Volk. Also: eine Art Selbstbeherrschung.

"So siehst du aus" (Tucholsky).

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