Kultur : Spenden erwünscht, Schutt abladen verboten

Thomas Lackmann

Überm Reichstag flattert Schwarzrotgold, überm Hotel Adlon Europas Sterne und das Berliner Wappen. Sonne. Himmelblau. Kaiserwetter? Mahnmalwetter jedenfalls nicht. Das Herbstlaub des Tiergartens leuchtet. Südlich des Brandenburger Tores stehen auf einer mit Metallzäunen gesicherten Brache neben zwei gelben Baggern der Firma Kummer Journalisten und Kameraleute. An der Brandmauer der DG-Bank gegenüber fordert ein riesiges Transparent - weiße, rote Lettern auf grauem Grund - zu Spenden auf: "Zukunft braucht Erinnerung. Beteiligen Sie sich an der Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas". An den Ecken des von Grasnarben, Sandhügeln und verschilften Teichen bedeckten Terrains ragen zwei Gerüste, eines sehr wachturmähnlich, die das Bauvorhaben auf diesem Filetgrundstück der Hauptstadt ankündigen. Plakate am Zaun werben für einen Installations-Event, der längst stattgefunden hat: "Licht gegen das Vergessen". Ein noch älteres Schild an der Ebertstraße informiert hintergründig über Haftung und Zuständigkeit: "Privatgrundstück. Betreten Verboten. Schutt abladen verboten. Bundesvermögensamt". Am Nordrand des Geländes stehen 13 Betonquader - grau, grauweiß, dunkelgrau, gräulichweiß -, von denen der dunkle, großporige auserwählt wurde, Modell für jene 2700 Stelen zu sein, die bald hier errichtet werden sollen.

Zum Thema Chronologie: Mehr als zehn Jahre Diskussion Die Bauarbeiten haben begonnen, sagt Wolfgang Thierse, Vorsitzender des Kuratoriums Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. "Im Laufe des Jahres 2004" solle das Denkmal samt unterirdischem Ort der Information fertiggestellt sein. Man hat ihm für seine kurze Ansprache einen weißen Baldachin errichtet; niemand konnte ahnen, dass das Wetter so freundlich wird. Doch auch die Stimmung ist mahnmal-untypisch entspannt, als verlagere sich momentan der öffentliche Hinterfragungsdruck von den historisierenden Querelen auf die aktuellen Diskurse. Die Ausschreibung zur Fabrikation der 2700 Stelen läuft von Dezember bis Januar, dann erst wird der Auftrag vergeben. Der dieser Tage so genannte erste Spatenstich besteht in den pathetischen Gesten des Baggers, in der Entsorgung des östlichen Grundstückviertels von Altlasten und Munition. Auf diesem seit 50 Jahren unberührten Abschnitt, wo noch aus DDR-Zeiten ein Postenweg verläuft, wird das Erdreich erst mit Metallsonden gecheckt und gesiebt: um später, nach der Fundamentierung, wiederverwendet zu werden. Darüber hinaus passiert bis zum Frühjahr, so sagt Günter Schlusche, ein Mitarbeiter des Architekten, schon aus Witterungsgründen nicht viel.

Während der Bagger den Mikrofonen eine dröhnende action-Kulisse bietet, versuchen die Interviewpartner der Denkmal-Stiftung, sich verständlich zu machen. Was sie zur Kritik des Architekten der "Topographie des Terrors" sage, der das Eisenman-Mahnmal als "Ort des Grauens" bezeichnete, wird Lea Rosh gefragt. "Ähnliches würde ich über seinen Entwurf nie sagen", meint die Denkmal-Initiatorin. "Was heißt Ort des Grauens? Es hat stattgefunden." Ihre Spendenaktion habe "einen Knick erfahren": durch die Kampagne gegen ein umstrittenes Spendenplakat. Gleichwohl seien bereits über eine Million auf dem Konto. Sie würde sich freuen, wenn die digitale Vernetzung des Ortes der Information mit den KZ-Gedenkstätten auf diesem Weg finanziert werden könne, doch gehe es bei der Sammlung nicht nur ums Geld, sondern um Bevölkerungsbeteiligung überhaupt, um "das Bekenntnis, der baut mit". An der Ostseite des Geländes, sagt die Stiftungs-Geschäftsführerin Sibylle Quack, entstehe eine neue Straße, benannt nach der Sozialwissenschaftlerin und Professorin an der Technischen Universität (TU), Cora Berliner, die 1942 in Theresienstadt ermordet wurde. Für den Bau der US-Botschaft an der Nordseite werde man, wie verabredet, fünf Meter Sicherheitsabstand vom Denkmal-Gelände abgeben. Planungen, die auf Grund jüngster Ereignisse darüber hinausgehen, seien ihr nicht bekannt.

Noch Fragen? Keine Fragen mehr, wir haben so lange gewartet, jetzt wird gebaut, sagt eine ältere Zuschauerin am Rande des Presseauftriebs. Doch die Stiftungs-Mitarbeiter bedauern, dass in den letzten Jahren hinter technischen und finanziellen Überlegungen inhaltliche Aspekte des Mahnmalbaus verschwunden sind. Deshalb veranstaltet die Stiftung, gemeinsam mit dem TU-Zentrum für Antisemitismusforschung, die Vortragsreihe "Erinnerungsprojekte. Zur Rezeption des Holocaust" im Literaturhaus Fasanenstraße. Dort geht es um "Das Trauma des Holocaust zwischen Psychologie und Geschichte" (6. 11.), um den "Holocaust und westdeutsche Literatur" (26. 11.), um "Kunst und Denkmal als Mittel der Erinnerung" (17. 12.), um "Zermahlene Geschichte / Künstlerische Erinnerungsentwürfe" 21. 1.), um Erinnerungskultur in Australien (4. 2.) und den USA (11. 2.). "Ein bedeutender Tag für Berlin", kommentiert Lea Rosh (auf die Frage eines US-Journalisten) den Start der Bauarbeiten. Begleitet wird dieser Termin vom 1. bis 3. November durch ein interdisziplinäres Symposion, zu dem sich auch Denkmal-Architekt Peter Eisenman und Amerikas Mahnmal-Experte James Young angesagt haben.

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