Kultur : Spender aller Länder, vereinigt euch!

Wer Geld gibt, hat Mitleid. Aber ist er auch selbstlos? Versuch über die Empathie

Harald Martenstein

Auch Tiere kennen Regungen, die dem Mitleid ähnlich sind. Das stand in diesen Tagen in der Zeitung. Mitleid gehört zur biologischen Grundausstattung, es ist nützlich für das Überleben der Gattung. Mitleid ist eine Variation der Eigenliebe: Wir empfinden das Leid des anderen nach, weil er oder sie uns ähnlich ist und weil unsere Fantasie uns sagt, dass wir selber uns an ihrer Stelle befinden könnten. Wenn wir über die Opfer einer Naturkatastrophe trauern, dann trauern wir in gewisser Weise über uns selbst. Das Bild einer Person, die ihre Kinder verloren hat, rührt uns nicht, weil diese fremde Person uns etwas bedeutet, sondern deshalb, weil wir uns im Moment des Betrachtens für Sekunden den Verlust der eigenen Kinder oder eines anderen geliebten Menschen vorstellen.

Mitleid ist also nicht selbstlos, kein ganz so edles Gefühl. Zurzeit werden von den Fernsehsendern immer neue Spendenrekorde gemeldet, zurzeit sind wir auf unser Mitleid verdammt stolz. Die Spenden sind gut, aber zum Stolz besteht kein Anlass.

Die asiatische Flutwelle ist die erste wirklich globale Katastrophe. Ihr Schauplatz liegt auf zwei Kontinenten, Asien und Afrika. Die Opfer kommen aus fast allen Ländern – wahrscheinlich sind 73 Belgier gestorben, an die 500 Schweizer, acht Portugiesen. In den letzten Tagen hörte man oft Kritik an der selektiven Weise, in der Europa sein Mitleid über die Welt ergießt. Gab es nicht, ein paar Jahre zuvor, ein Erdbeben in China, mit ähnlichen Opferzahlen? Warum hat man damals nicht ähnlich empfunden und ähnlich gespendet? Aus Rassismus vielleicht? Und warum interessieren uns jetzt die Gegenden besonders, in denen deutsche Touristen sich aufhalten?

Wer das selektive Empfinden kritisiert, sollte sich auch darüber empören, dass uns der Tod der Eltern stärker bewegt als der Tod anderer Leute. Es ist richtig, Gleichheit vor dem Gesetz zu verlangen, aber eine Gleichheit vor dem Gefühl kann es nicht geben, es sei denn, man verwandelt Menschen in Computer.

Vor einigen Monaten ist ein längerer Essay über das Mitleid und seine Geschichte erschienen, verfasst von einem Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen" (Henning Ritter: Nahes und fernes Unglück. Versuch über das Mitleid, C. H. Beck Verlag). In diesem Buch geht es vor allem um das 18. Jahrhundert, also um die Zeit, in der die Religion vom Kapitalismus besiegt wird und die Globalisierung beginnt. Zum ersten Mal wird fernes Unglück ein europäisches Medienthema: beim Erdbeben in Lissabon, 1755. Das Wort „Katastrophe“ war bis dahin ein Fachbegriff der Dramentheorie, als Bezeichnung für ein „moralisches Übel“, das vom „natürlichen“, unvermeidlichen Übel eines Naturereignisses unterschieden wurde. Diese Lücke schloss sich, die Natur wurde, weil sie immer beherrschbarer schien, zum Gegenstand des Moralisierens. Voltaire notiert empört: „Lissabon liegt in Trümmern, und in Paris wird getanzt.“ Es ist die gleiche Empörung, die den „Bild“-Kolumnisten Franz Josef Wagner ergreift, wenn er die Fotos biertrinkender Touristen betrachtet, die nach der Katastrophe scheinbar ungerührt ihren Urlaub fortsetzen. Wagner schreibt: „Wie Hühner, deren Kopf abgeschlagen wird und die weiterlaufen, macht ihr weiter Urlaub.“

Das Leben geht weiter: Dieser Satz beschreibt die Rückseite des Mitleids, die genauso natürlich ist, genauso lebensnotwendig. Nach dem Begräbnis kommt der Leichenschmaus. Nach einiger Zeit wird man sich bei solchen Bildern – Urlauber am Todesstrand – nicht mehr viel denken, höchstens: Die schaffen Arbeitsplätze. Und es stimmt ja. Der Ökonom Adam Smith hat schon im 18. Jahrhundert allen, die auf dem Mitleid eine nachchristliche Ethik aufbauen wollen, höhnisch entgegengerufen, dass Mitleid den Leidenden nicht das Geringste nützt. Ob wir über die Toten von Phuket weinen oder am Strand von Phuket ohne eine Gefühlsregung Bier trinken, das ist für Tote und Überlebende egal. Nur Hilfe zählt. Aus welchen Motiven Michael Schumacher zehn Millionen Dollar spendet, ist gleichgültig. Hauptsache, er tut es. Tief verwurzelt ist bei den meisten von uns der Gedanke, dass Leid und Freude wie kommunizierende Röhren funktionieren. Je weniger Freude bei uns, desto weniger Leid anderswo. Am deutlichsten wird das immer wieder bei den Appellen, die Silvesterknallerei zu lassen und stattdessen zu spenden. Die Feuerwerksindustrie hat vor einiger Zeit eine tragikomische Erklärung veröffentlicht, mit der Frage, warum solche Appelle immer gegen sie gerichtet sind, niemals gegen die Blumen-Branche. Blumensträuße sind doch auch zweckfrei, lediglich zum Vergnügen da, genau wie Snowboards oder Musik. In Wirklichkeit schadet es nichts, sich zu freuen, obwohl es viel Leid gibt. Und wir können beides, wie man sieht, die Spaßgesellschaft ist gleichzeitig eine Spendegesellschaft.

Im Moment kann man den Eindruck gewinnen, dass wir sehr mitfühlend sind. Die Bereitschaft zu geben, war nie zuvor so groß, vielleicht wird schon heute bei den privaten Spenden aus Deutschland die 100-Millionen-Euro-Marke überschritten. So unglaublich viel Geld ist also für gute Zwecke vorhanden, wenn wir es wollen, wenn die Opfer uns nahe sind oder nahe gebracht werden. Wenn es sich nicht um eine momentane Aufwallung handeln würde, sondern wirklich um ein mitfühlendes Land, wäre es für uns zum Beispiel kein Problem, große Teile unseres erodierenden Sozialsystems zu retten. Aber so sind wir eben nicht. Für die Fähigkeit des Fernsehens, mit Hilfe seiner Bilder für kurze Zeit gewaltige Gefühle zu mobilisieren, ist vor einiger Zeit die Bedeutung eines Fremdwortes ironisch umgewandelt worden: Telepathie. Im Sinne der Telepathie besteht kein Widerspruch darin, einerseits großzügig für die Flutopfer zu spenden und sich andererseits kein bisschen um womöglich existentielle Probleme des Nachbarn zu kümmern. Es sei denn, über den Nachbarn käme ein Bericht in den „Tagesthemen“.

Auch das hat Adam Smith schon vorausgesehen – es gibt nicht beliebig viel Gefühl in uns, genauso wenig, wie es beliebig viel Baumwolle oder Eisen auf der Welt gibt. Das Mitleid, das wir an der einen Stelle großzügig ausgeben, haben wir an der anderen Stelle eben nicht mehr. Daran ist nichts zu kritisieren, es ist unvermeidlich. Das Wissen um diese Tatsache sollte uns aber dagegen immun machen, uns an unserer Hilfs- und Spendenbereitschaft zu berauschen. Die Eigenliebe ist immer noch unsere mächtigste Triebfeder. Als das Zeitalter des Kapitalismus begann, versuchten die Philosophen, den Motor der Welt zu finden, falls Gott es nicht ist. Sie landeten bei der Gier und erschraken. Diderot schrieb über die Grenzen des Mitleids: „Wer ist unter euch, der nicht im Augenblick seines Todes sein Leben für den Preis des größten Teiles der Menschheit zurückkaufen würde?“

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