Kultur : Sphären der Freiheit

Axel Honneth diskutiert mit Udo Di Fabio

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Politische Philosophie ist nicht eben das, was die deutsche Geisteswelt zuletzt stark beschäftigt hätte. Jürgen Habermas hat sich mit seiner Diskursethik auf die Kommunikation und das Recht konzentriert, Niklas Luhmann die Philosophie gleich ganz zugunsten der Theorie sozialer Systeme verworfen. Anstöße kamen immer wieder aus der angelsächsischen Welt, etwa durch John Rawls und seine Theorie der Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist ein Schlüsselbegriff auch für den Habermas-Schüler Axel Honneth, der, im Rückgriff auf Hegels Rechtsphilosophie, „die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit direkt in Form einer Gesellschaftsanalyse zu entwickeln“ trachtet. So schreibt er im Vorwort seines Buches „Das Recht der Freiheit“, das die bedeutendste philosophische Neuerscheinung des anbrechenden Bücherherbstes ist (Suhrkamp Verlag, Berlin, 628 S., 34,90 €. Rezension im Tagesspiegel vom 30. Juli).

Grund genug, den Autor mit dem Verfassungsrichter und Rechtsphilosophen Udo Di Fabio ins Gespräch zu bringen, der vor einigen Jahren ein Buch unter dem Titel „Die Kultur der Freiheit“ (Verlag C.H. Beck) vorgelegt hat. Im Audimax der European School of Management im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude lauschten gut 300 Zuhörer den Diskutanten, wobei Honneth, Professor in Frankfurt und als Direktor des dortigen Instituts für Sozialforschung Erbwalter der Kritischen Theorie in dritter Generation, hauptsächlich um Begriffsklärung bemüht war.

Ihm geht es um die drei Dimensionen der Freiheit, die negative – Di Fabio sagt „negatorische“ – Freiheit als Schutz vor staatlichen Eingriffen; die moralische Freiheit als eigenes Urteil über Normen; und schließlich die soziale Freiheit als wechselseitige Anerkennung der Subjekte im Rahmen ihrer Interaktion, sei’s in Liebe, Familie oder im Marktgeschehen. Die soziale Freiheit steht im Mittelpunkt von Honneths Philosophie. Sie verwirklicht sich in Institutionen, die ihrerseits ohne Rückbezug auf den Freiheitsbegriff nicht zu denken sind. Dieses Wechselspiel ist es, das Honneth als „normativ angeleitete Rekonstruktion der gesellschaftlichen Entwicklung“ in seinem Buch ausführt, in einer Mittellage zwischen Erzählung und Geschichtsschreibung. Gegen Kant führt Honneth die Empirie ins Feld; nicht normative Setzung, sondern Nachvollzug der „gesellschaftlich bereits institutionalisierten Werte und Ideen“ ist sein Ziel.

Normative Grundlage ist für Honneth ein einziger Wert: „allen Subjekten gleichermaßen zu individueller Freiheit zu verhelfen“. Da kann Di Fabio zustimmen; er geht noch darüber hinaus, indem er individuelle Freiheit mit der dignitas humana schlechthin gleichsetzt, der Menschenwürde als der „Freiheit zum Selbstentwurf“. Di Fabio führt die Vertragsfreiheit als Grundmuster der wechselseitigen Anerkennung der Subjekte an – und verfehlt damit die Institutionen, um die es dem Sozialphilosophen Honneth doch geht. In der Reduktion auf die Privatautonomie sieht er die Fehlentwicklung unserer Zeit, die die „gemeinschaftlich auszuübende Sphäre der Freiheit“ etwa im Marktgeschehen zugunsten der individuellen Nutzenmaximierung aufgegeben hat.

Die Frage aus dem Publikum, wie es denn zur Verständigung mit Gesellschaften kommen könne, die die Freiheitsidee des Westens nicht teilen, blieb unbeantwortet. Di Fabio wies auf das Paradox hin, dass universalistische Normen wie die der Menschenrechte in partikularen Nationalstaaten zum Tragen gekommen seien, dass die Freiheit territorial erkämpft worden ist. Von Normen, die sich auf göttliche Offenbarung berufen und der Leitidee der demokratischen Partizipation gleicher Subjekte, schon gar der aus Humanismus und Aufklärung gewonnenen Norm der autonomen Selbstbestimmung nichts abgewinnen können, war nicht die Rede. Das aber ist die Bruchlinie, an der sich die (welt-)politischen Kulturen unserer Zeit scheiden. Bernhard Schulz

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