Kultur : Sphärenstimme

Zum Tod der Sopranistin Renata Tebaldi

Christine Lemke-Matwey

Als Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni – die beiden Ersten Damen vom Londoner Haymarket, wahre Weltstars des barocken Establishments – 1727 gemeinsam in einer Oper von Bononcini auftreten sollten, bissen, kratzten und schlugen sie so lange aufeinander ein (noch bevor ein einziger Ton Musik erklang!), bis beide blutend von der Bühne wankten. Weniger drastisch, aber nicht minder existenziell sollte sich im 20. Jahrhundert das Verhältnis der beiden Sopranistinnen Renata Tebaldi und Maria Callas gestalten: Primadonna assoluta und Virtuosa die eine, süße Engelsstimme und Verismo-Diva die andere.

Der Vergleich mit der glamourösen Griechin hat die 1922 in Pesaro geborene Tebaldi zeitlebens verfolgt – und stets hatte sie, so scheint es, die weniger zeitgemäßen, weniger „erotischen“ Tugenden zu bieten. Wo die Callas auf Kosten des Belcanto eine Aida, eine Tosca, eine Desdemona oder Mimi zu lebendigen, ambivalenten und also: modernen Charakteren formte, da blieb Tebaldi einer gleichsam naiven, klangschönen Natürlichkeit des Singens verpflichtet; wo die Callas darauf bestand, „immer und überall so schwierig zu sein als nötig“, erklärte die Italienerin einst unter Tränen, sie werde Mailand samt der Scala nie wieder betreten, wenn ihr die Callas-Claque noch einmal Radieschen auf die Bühne würfe.

Die Tebaldi freilich bloß als kleinbürgerliche „Anti-Callas“ zu begreifen, wäre ungerecht (das belegen viele ihrer Aufnahmen, Verdis „Forza del Destino“ etwa oder auch ihr „Don Carlo“ unter Solti). Den Durchbruch feierte die Sopranistin 1946 in Verdis „Te Deum“ mit Arturo Toscanini an der Scala – ein Haus, dem sie seiner Callas-Manie wegen nur kurze Zeit treu bleiben sollte. Dafür lockte Amerika: 250 Vorstellungen hat die Tebaldi zwischen 1955 und 1972 an der New Yorker Met gesungen, Mario del Monaco, Franco Corelli, Richard Tucker und Placido Domingo hießen ihre Partner. Mit der Oper habe sie von Anfang an eine „schier unauflösliche Liebesbeziehung“ verbunden, hat die stille Primadonna einmal gesagt. 1973 zog sie sich von der Bühne zurück. Da befand sich auch Maria Callas gerade auf „Farewell“-Tour. In der Nacht zum Sonntag nun ist Renata Tebaldi nach langer Krankheit in ihrem Haus in San Marino gestorben. Sie wurde 82 Jahre alt.

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