Kultur : Spiegel einer sprungbereiten Stadt

NICOLA KUHN

Etwas über zwei Jahre ist es her, daß in einer eher unspektakulären Mitteilung die Gründung des Vereins "Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst" verkündet wurde; gerade zwei Monate - termingerecht zum "art forum" in den Messehallen - sind es nun noch hin, daß die Ausstellung tatsächlich stattfindet.Während die Galerien schließen oder höchstens mit Acchrochagen das Sommerloch überspielen, können sich die Macher der Berlin Biennale schon lange kein laues Stündchen mehr leisten.Aber das entspräche auch nicht ihrem Wesen.

Als künstlerischer Leiter holte sich Klaus Biesenbach den ubiquitären Ausstellungsmacher Hans-Ulrich Obrist sowie die Kuratorin für zeitgenössische Kunst vom New Yorker Guggenheim Museum, Nancy Spector, mit ins Boot: alle drei um die dreißig, gerne als Wunderkinder der Kunst tituliert und ausgewiesen durch Ausstellungen rund um den Globus.Da konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die ganz große Show auch in Berlin stattfinden würde - zumal Klaus Biesenbach, Mitbegründer und heute Direktor der Kunst-Werke e.V., als einer der großen Strippenzieher der hiesigen, ach was, der internationalen Kunst gilt.

Mit Spannung wird nun erwartet, was sich das Kuratorenteam hat einfallen lassen, denn mit der Künstlerliste halten es die drei Youngster wie ihre Kollegin Catherine David bei der documenta X: Namen bleiben "top secret", um den Entstehungsprozeß der Ausstellung nicht zu stören.Mitteilsamer, wenn auch nicht immer verständlicher für Außenstehende war das Trio dafür anläßlich einer Pressekonferenz im Frühjahr, auf der die drei ihr Konzept erläuterten.Denn im Vorfeld hatte es Irritationen gegeben, weil die erste Pressekonferenz zum Thema bereits eine Woche vorher in der SoHo-Dependance des Guggenheim für amerikanische Medien abgehalten wurde.Dabei konnte das eigentlich niemanden überraschen, wo doch Nancy Spector in New York ihren Arbeitgeber hat und auch Klaus Biesenbach hier als Kurator am Zentrum für zeitgenössische Kunst, PS1, wirkt.Prompt unkte die "taz", daß "Jetlag", die durch den Zeitunterschied bedingte Müdigkeit der Fernreisenden, zum entscheidenden Wort für die künstlerischen Aktivitäten des Herbstes avancieren könnte.

Von Anfang an hat diese Mischung aus Häme und Bewunderung die Aktivitäten der Berlin Biennale begleitet, denn allein ihr Titel gibt zu den unterschiedlichsten Erwartungen Anlaß: Dient als Vorbild etwa die Biennale, wie sie im 19.Jahrhundert in Venedig aus der Taufe gehoben und mit ihrer Gediegenheit Nachfolger in Städten von Sao Paolo bis Havanna gefunden hat? Mitnichten.In Berlin steht die Kunst der Neunziger im Mittelpunkt.Nicht etwa alle zwei Jahre soll ein Einzelereignis stattfinden, sondern das Ganze wird sich als work in progress über zwei Jahre hinziehen.Vielleicht waren es auch einfach nur die zwei "B"s im Titel, die flotte Alliteration, die dem Kind den griffigen Namen Berlin Biennale gab.Denn auf eine repräsentative Ausstellung allein wollten sich die Kuratoren nicht einlassen.Das widerspräche dem Geist der neunziger Jahre, ihrem Selbstverständnis als Kuratoren, so die drei.Ebenso wenig lassen sie sich auf eine Gattung, ausschließlich die bildende Kunst, festlegen: Mode, Musik, Tanz, Theater, Architektur, Film - all das soll sich in einem kreativen Prozeß auf der Biennale kreuzen.

Gerade Berlin erscheint dafür als besonders geeignet, denn mit kaum einer anderen Stadt hat sich in den letzten Jahren so sehr die Vorstellung von Wandel, Wachstum, Veränderung verbunden.Zu ihrer eigenen Überraschung, so Biesenbach, hätten sie jedoch bei den Recherchen feststellen müssen, daß die verschiedenen Gruppierungen vorher kaum miteinander kommunizierten - was ihn sogleich auf seinen Lieblingsbegriff als Kurator bringt: nämlich den des Katalysators.Denn darin sind sich alle drei einig: daß sie nicht mehr wie die Zampanos in den achtziger Jahren die Ausstellung dirigieren, sondern sie zusammen mit den Künstlern erarbeiten wollen.Dafür spricht auch das Modell Teamarbeit."Ebenso wie die Künstler mehr situativ, projektorientiert, fließend arbeiten, gehen auch wir vor", so der Schweizer Hans-Ulrich Obrist."Neben der Zeit ist die Zusammenarbeit in den Neunzigern ein wichtiger Faktor geworden."

Bei aller globalen Vernetzung darf es dennoch ein wenig Nabelschau sein.Der ab 29.September präsentierte Ausstellungsteil "Berlin / Berlin" versammelt in der Akademie der Künste am Pariser Platz, im Postfuhramt und in den dann wieder eröffneten Ausstellungsräumen der Kunst-Werke über siebzig Künstler (fast um die Hälfte mehr als noch im Frühjahr angekündigt), "die entweder in Berlin leben oder während der letzten Jahre in Berlin aktiv waren und die mit ihrer Arbeit die Berliner Kunstszene der späten neunziger Jahre beeinflußt haben", wie es in der Ankündigung heißt.Hans-Ulrich Obrist nennt das ganz einfach ein "summary", kein endgültiges Statement, sondern eine Untersuchung darüber, was es in den letzten ein, zwei Jahren gegeben habe; Berlin würde eben nachholen, was in Paris und London längst üblich sei.

Am Eröffnungswochenende der Berlin Biennale soll jedoch nicht nur gezeigt und geguckt, sondern auch geredet werden - rund um die Uhr.Vom 1.bis 4.Oktober werden im Haus der Kulturen der Welt unter dem Titel "Congress 3000" Vorträge, Workshops, Präsentationen stattfinden, die unter anderem auf den sich über die nächsten zwei Jahre hinziehenden Ausstellungsteil "7/11" verweisen, der im Titel an die gleichnamige amerikanische Supermarkt-Kette anknüpft, vor allem aber die Zahl der teilnehmenden Künstler zwischen sieben und elf benennt.In einem dritten Schritt begibt sich die Berlin Biennale von der lokalen Szene über die internationalen Künstlerstars in die rein mediale Sphäre.Unter dem Oberbegriff "Flanerie" soll dieses Phänomen am Ende des 20.Jahrhunderts auf seine Tragfähigkeit etwa für das Cyberspace untersucht werden.

Und da an diesem Punkt selbst einem so dynamischen Trio wie Biesenbach-Obrist-Spector die Fäden zu entgleiten drohten, hat sich seit kurzem nicht nur intern, sondern auch offiziell der Kreis der Biennale-Macher erweitert.Zum Kuratorenteam sind nun namentlich Jens Hoffmann ("Berlin / Berlin"), Ulrike Kremeier ("Plattform"), Daniel Haacksmann ("Congress 3000") und Miriam Wiesel (Katalog) hinzugestoßen.Diese jüngste Auskunft aus dem Biennale-Büro in der Auguststraße, das sich mit Mitteilungen ansonsten äußerst bedeckt hält, darf als Zeichen dafür gelten, welches enorme Programm sich die drei Hauptverantwortlichen aufgeladen haben, daß sie es nun auf weitere Schultern verteilen müssen.Dahinter mag auch der wachsende Erwartungsdruck stecken, nachdem die Biennale vollmundig schon für 1997 als Pendantveranstaltung zur documenta in Kassel, den Skulpturenprojekten in Münster und der Biennale in Venedig angekündigt worden war, am Ende aber wieder verschoben werden mußte.

Von offizieller Seite haben ihre Macher einen gehörigen Vorschuß bekommen: finanziell und an Vertrauen.690 000 Mark fließen an Lottomitteln in den 2,5 Millionen Mark umfassenden Gesamtetat.Und auch der Kultursenator hat seine Hand über das Unternehmen gehalten und beim ständigen Hin und Her um die Höhe des Hauptstadtkulturfonds stets den Posten für die Berlin Biennale gesichert.Schließlich gelten ihm die Kunst-Werke als "einzige Institution", von der "zündende Signal- und Initialwirkung für die aktuelle Kunstproduktion der Stadt ausgegangen ist"; deren "internationale Angebundenheit" und "erprobte Sponsoring- und Marketing-Strategie" weiß er zu schätzen.Gesagt getan auch für die Berlin Biennale: An ihrer Wiege standen als Gründungsmitglieder Persönlichkeiten aus der Wirtschaft; zu den offiziellen Sponsoren gehören heute die GASAG und die DG Bank.Sie alle mag das Konzept einer jungen, neuen Biennale fasziniert haben, das so ganz auf die sprungbereite Stadt zugeschnitten ist.Die Biennale werde ein Spiegel der Stadt sein, verspricht Biesenbach, um hinzuzufügen: "Aber es ist ungewiß, was man darin erkennen wird."

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