Kultur : Spiegel ohne Bilder

Hirnforschung und Buddhismus: Wolf Singer und Matthieu Ricard diskutieren über Meditation

Olga Martynova

Die Lösung einer Aufgabe macht glücklich. Wahrscheinlich sind wir süchtig nach diesem Gefühl, es treibt viele unserer Handlungen an. Neurologen beobachten, was im Gehirn desjenigen passiert, der ein solches Glück empfindet. In einer Reihe von Experimenten untersuchten sie auch die Hirnaktivitäten erfahrener Meditierender und verglichen sie mit denen nicht-meditierender Probanden. Die Ergebnisse lassen unter anderem vermuten, dass dasselbe Glücksgefühl, das von einer gelösten Aufgabe ausgeht, auch von einer Meditation hervorgerufen wird – nur sozusagen inhaltsfrei, als „inhaltslose Harmonie“, wie es der berühmte „Leugner des freien Willens“, der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer im Dialog mit Matthieu Ricard formuliert.

Ricard, ausgebildeter Molekularbiologe und praktizierender buddhistischer Mönch, sieht den meditativen Zustand jedoch nicht als so inhaltsfrei; immer wieder betont er, dass die Harmonie, die es erlaubt, von „Glück als Fertigkeit“ zu sprechen, auf Altruismus, Empathie und Mitgefühl beruhe: Sie seien einfach die angenehmsten Geisteszustände.

So trifft die westliche, sich auf Erforschung der äußeren Welt konzentrierenden Wissenschaft auf die introspektiven Methoden der östlichen Meditation, die Matthieu Ricard als kontemplative Wissenschaft bezeichnet. Wie zu erwarten, spricht der Materialist Singer dabei ausschließlich von den Eigenschaften des Gehirns, während der Mönch gerne Wörter wie Geist oder Bewusstsein verwendet: „Subjektiv wissen wir nicht einmal, dass wir ein Gehirn haben.“

Singer geht von den Ergebnissen empirischer Untersuchungen aus. Ricard nutzt jede Gelegenheit, seine Vorstellungen von der inneren Natur buddhistischer Praktiken zu präsentieren. Er veranschaulicht seine Erfahrungen in Bildern. Während der Forscher das Problem der Introspektion in der Abwesenheit einer zweiten Person sieht, welche die Selbsterfahrung des Gehirns auswerten könnte, meint der Mönch, dem Geist wohne die Fähigkeit inne, sich selbst zu beobachten: „Eine Flamme braucht keine zweite Flamme, um sich selbst zu beleuchten.“

Das Rätsel besteht in der Trennung von Bewusstsein und Inhalten, in der Annahme, „es gebe im Gehirn eine Plattform der reinen Bewusstheit“. Die buddhistische Antwort darauf lautet: „Gedanken sind Manifestationen der reinen Bewusstheit wie die Wellen des Ozeans, die sich aus ihm erheben und dann wieder in ihm auflösen.“ Oder: Ein für den Forscher unvorstellbares, „von allen Inhalten entleertes Bewusstsein“ ist für den Buddhisten ein Spiegel, das alle Bilder reflektiert, dem aber kein Bild gehört. Das Rätsel des reinen Bewusstseins verleiht dem Buch innere Dramatik und Spannung. Denn es ist unmöglich, sich die Frage nach dem eigenen „Ich“ nicht zu stellen. Was für den Forscher objektive Realität ist, ist für den Mönch lediglich das „fiktive Selbst“, das zu überwinden die mentalen Praktiken anstreben.

Zwei Sprechende verfolgen hier verschiedene Interessen, die sich nur bedingt kreuzen. Man könnte ihre Dialogmethode als Aneinandervorbeireden betrachten, man könnte aber auch bewundern, dass sich die Gesprächspartner nicht in strittigen Einzelheiten verfangen, sondern ihre Wege weitergehen, beobachtend und Schlussfolgerungen ziehend. Nur ein einziges Mal wird direkt auf die grundverschiedene Sicht der Dinge hingewiesen: Matthieu Ricard bemerkt, dass es „ein bisschen unfair“ sei, Mitgefühl allein als die Suche nach angenehmen Erfahrungen hinzustellen.

Einige angrenzende Themen bleiben leider unberührt oder werden nur flüchtig angesprochen. Natürlich stellt der Rationalist Singer die Frage, wie es dann zu erklären sei, dass die buddhistische Meditation, die Glück, altruistische Liebe und Empathie trainieren soll, nicht geholfen habe, eine bessere Gesellschaft zu bauen als die westlichen Zivilisationen, die das „vielleicht nicht besser, aber vermutlich nicht viel schlechter“ bewältigen. Aber nur das erklärte Hauptthema – welche Veränderungen im Gehirn Meditation bewirkt – wird konsequent verfolgt.

Wer die Fragen liebt, findet sie bei Wolf Singer. Wer die Antworten liebt, findet sie bei Matthieu Ricard. Letzterer verrät auch, was man als Ziel des Lebens ansehen könnte: „die Kultivierung eines breiten Spektrums von Qualitäten, von Weisheit bis Mitgefühl, die darauf abzielt, echtes Glück und ein gutes Herz zu erlangen.“

Wolf Singer,

Matthieu Ricard:

Hirnforschung

und Meditation.

Ein Dialog. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2008. 134 S., 10 €.

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