Kultur : Spiegeltanz

Im Kino: der Sommerfilm „Berlin am Meer“

Julian Hanich

Es gibt eine kurze, charmante Szene in diesem Film, die sehr schön auf den Punkt bringt, wovon Regisseur Wolfgang Eißler vermutlich auch in der verbleibenden Zeit erzählen wollte: die bezaubernden Gegensätze der schmuddeligen Stadt Berlin. Da kauern der junge Berliner Musiker Tom (Robert Stadlober) und die zugereiste Münchner Politikstudentin Mavie (Anna Brüggemann) gebannt in einer Opernloge. Eine freundliche Frau an der Kasse, überwältigt vom Musikenthusiasmus der beiden, hatte ihnen freien Eintritt gewährt. Auf der Bühne wird betörend Verdi aufgeführt – da packen die beiden einen mitgebrachten Döner aus.

Der Operndöner! Ein besseres Bild findet „Berlin am Meer“ nicht mehr. Stattdessen versucht der Regisseur mit aller Kraft eine leichtfüßige, krasse, bewegende Berliner Sommergeschichte vor dem Hintergrund der ranzigen Stadtkulisse zu erzählen – und verhebt sich. Eißlers Film stellt uns eine Gruppe von Nacht-, Party-, Musik- und Drogenmenschen vor, zu denen auch Malte (Axel Schreiber), Margarete (Jana Pallaske) und Mitsch (Claudius Franz) gehören. Doch anstatt sich dokumentarisch-wild ins Gemenge zu stürzen, führt er das ausschweifende Leben dieser Nachtgestalten wie eine 95-minütige Regieanweisung vor. Gibt es etwas Gekünstelteres als den inszenierten Exzess? Nicht ganz unschuldig dabei: die Darsteller. Sie mögen sich zwar im Einzelnen einen gewissen Ruf im realen Berliner Nachtleben erarbeitet haben. Trotzdem wirkt vieles wie aufgesagt. Das gilt insbesondere für Robert Stadlober, der seit seinen vielversprechenden Anfängen in „Sonnenallee“ und „Crazy“ manches schuldig geblieben ist.

Weil „Berlin am Meer“ auch eine rührende Liebesgeschichte sein will, werden immer wieder große Gefühlsausbrüche vorgegeben. Hier drängt sich auf, was „Berlin am Meer“ auch hätte werden können: eine kritische Studie über eine Generation, die das Fehlen von Idealen durch den gemeinsamen Tanz durch die Erlebnisgesellschaft wettmacht – und sich dabei doch alleine fühlt. Wenn der Musiker Tom am Anfang vor einem Spiegel tanzt, sich dabei langsam entkleidet und selbst bestaunt, steckt in diesem narzisstischen Striptease eine passende thematische Verdichtung. Leider lässt Wolfgang Eißler auch diese Chance verstreichen. So werden von seinem Film letztlich nur zwei Dinge in Erinnerung bleiben: der Tanz ums eigene Spiegelbild. Und der Operndöner. Julian Hanich

In sieben Berliner Kinos

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