Kultur : Spiel beginnt, Ergebnis steht Die Ausstellung "Fast forward /

PETER HERBSTREUTH

Der Hamburger Kunstverein skizziert mit der fünfteiligen Ausstellungsreihe "Fast Forward" Bezüge der Gegenwartskunst und widmet sich nach den Themen "Bild", "Markenzeichen", "Körper" jetzt dem Umgang von Künstlern mit "Archiven".Dazu hat der Kurator (und Vereinschef) Stephan Schmidt-Wulffen eine Designer-Brille aufgesetzt und verkündet: "Geschichte liefert nur noch Versatzstücke zur Konstruktion von Geschichten." Folglich liest er die Kunst der Moderne als Ideologie und ruft passende Werke auf.

Cosima von Bonin nähte Männertaschentücher aneinander, hängte das Patchwork an die Wand, profaniert den heiligen Ernst abstrakter Malerei zum Schnupftuch.John Armleder stapelte kreuz und quer Lichtröhren in eine Ecke als sei eine Neoninstallation Dan Flavins von der Wand gepurzelt.Beide Kommentare sind durch das Bezugsfeld lesbar.Fehlt das Bezugsfeld, sieht man nur, was man sieht: verwaschenes Patchwork und unaufgeräumte Neonröhren.

Sharon Lockhart bevorzugt Direktheit.Sie zeigt ein großes Foto eines jungen Menschen, der im Halbdunkel vor dem Fenster eines Stadtappartments steht und übermüdet und gefaßt in die Kamera schaut.Durch das Fenster fällt heller Schein auf die Haut.Lockhart zitiert mit Lichtführung und Perspektive weniger Kunstgeschichte als Werbe- und Filmästhetik.Das Fesselnde liegt darin, daß zwischen Fenster, Person und Dunkelheit die Zentralperspektive fast zerreißt und die Person jeden Moment aus dem Bildraum treten könnte.So wird das Schöne fast wahr.Christian Philipp Müller baute das fensterlose Studio von Le Corbusier nach, in dem der Architekt mit Klienten verhandelte.Es ist kaum größer als ein Zugabteil und enthält außer Tisch und zwei Stühlen nichts.In einer solchen Zelle sollte man den Kunden zwingen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.Die Enge der Kammer begünstige präzise Formulierungen und schnelle Abschlüsse.Durch eine Tür verbunden ist ein dunkler Klangraum, den Le Corbusier gemeinsam mit Edgar Varèse für eine Weltausstellung entwarf.Der Dunkelraum wirkt als Kopfhörer, die helle Kammer als Startrampe während des Countdowns.Zu Recht hob Müller diese weitgehend vergesssene Kleinarchitektur aus dem Archiv.

Und sonst? Wir sehen Jeff Walls Lichtbild eines angeschnittenen Waschbeckens, in dem er die Lichtfarbe Vermeers mit dem konstruktiven Sinn Rodtschenkos verbindet, ferner Peter Halleys farbintensive Malerei harter Kanten im Spiegel russischer Konstruktivisten, Markus Oehlens Surrealismus-Satire sowie Arbeiten von Bernhard Prinz, Diana Thater, Jorge Pardo.Kunst kommt von Kunst, wiederholt die Ausstellung.Und wer die Endlosreihe der Rück- und Querverweise beherrscht, bekommt ein Zertifikat der Art "Postmoderne, Abt.Archive: gut".Der Haken dieses Bildungsspiels ist, daß es keine Haken gibt.Das Ergebnis steht fest, bevor das Spiel beginnt.

Es läuft auf die Bestätigung dessen hinaus, was zuvor verabredet wurde.Doch wer frei mit Archiven, Gedächtnis und Geschichte umgeht und sich der Erinnerung ausliefert, erlebt meistens Überraschungen von Querschlägern.Hier aber überrascht nur die Sicherheit, mit der so getan wird, als habe man die Geschichte im Griff und könne sie verwalten.

Hamburger Kunstverein, bis 17.Januar.

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