Kultur : Spiel der Blicke

ANDREAS KRIEGER

Hochgezogene Brauen, geschlossene Lippen und ein strenger Blick, der die Welt beobachtet.Das Porträt, das Lotte Jacobi 1929 von der Tänzerin Niura Norskaja macht, konzentriert sich auf Mund, Nase, Augen.Ein Gesicht, so ernst wie die meisten "Bildnisse europäischer Photographinnen" aus den Jahren 1920 bis 1940, die derzeit im "Verborgenen Museum" zu sehen sind.Nur auf einem der rund sechzig Fotos lacht jemand: die Schauspielerin Beate Inneya, 1925 von Trude Fleischmann fotografiert.

So ernst wie ihre Porträts waren die Ambitionen der Fotografinnen Anfang des Jahrhunderts.Eine Anekdote: Als der junge Robert Capa nach Berlin kommt, trifft er Eva Besnyö - von ihr sind Bilder zu sehen -, die sich bereits etabliert hat."Wäre doch schick, wenn ich fotografieren würde", sagt der zwanzigjährige Capa in jugendlichem Eifer."So kannst Du da nicht herangehen", antwortet Besnyö irritiert.Ehrgeizig lernen die um die Jahrhundertwende geborenen, meist bürgerlichen Mädchen das Fotografen-Handwerk.Sie machen entweder eine Lehre im Atelier oder besuchen eine Fachschule wie die Photographische Lehranstalt des Lette-Vereins in Berlin.Zum Zentrum der Fotografie entwickelt sich das Bauhaus Dessau, an der sich die Fotografinnen experimentell austoben.Durch den Zeitschriftenboom gibt es großen Bedarf an Fotos aus den Bereichen Reportage, Reise und Mode.Bereits 1931 werden in Berlin von den über 600 Fotoateliers mehr als 100 von Frauen geleitet.Die verstehen ihr Handwerk nicht nur als Lebensunterhalt, sondern auch als Instrument zur Selbstbestimmung.Wichtiger als die Karriere ist ihnen die Befriedigung ihrer Neugier.In ihren Fotos weichen sie den standardisierten Bildaufbau mehr und mehr auf.Statt dem einen "wahren" Blick gibt es nun viele mögliche Blicke auf Menschen.Dabei kommt es mehr auf das Spiel mit Formen und Kontrasten an, als auf die Erkennbarkeit der dargestellten Person.

Die Fotografinnen kommen ihren Figuren nahe - ohne jeglichen Voyeurismus.Der Schlafzimmerblick von Marlene Dietrich auf dem Foto von Elli Marcus zeugt von wirklicher Müdigkeit.Gleich daneben, ebenfalls von Marcus: Helene Weigel in weichen Tönen.Die kratzige Weigel und die sinnliche Dietrich - im Blick der Marcus werden sie zu Schwestern.

Das Verborgene Museum (Schlüterstr.70, Hinterhof), bis 30.Mai, Do und Fr: 15-19 Uhr, Sa und So: 12-16 Uhr

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