Kultur : Spiel der Sonnenflecken

Liebermann zu Gast bei Liebermann: Die Kunsthalle Bremen zeigt ihre Sammlung in der Villa am Wannsee

Nicola Kuhn
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Neue Horizonte. 1902 entstand Max Liebermanns Pastellzeichnung einer Reiterin am Strand von Noordwijk. Foto: Kunsthalle Bremen

Der Kontrast könnte kaum größer sein: Draußen ist alles von einer weißen Eisschicht überzogen. Bis zum Wasser ist der Rasen von Schnee bedeckt, der Wannsee selbst ist eine glitzernde Fläche mit schimmernden Lachen. Der Winter, von der Liebermann-Villa in Wannsee aus betrachtet, zeigt seine frostigen Facetten wie in der guten alten Zeit. Das Schmuddelwetter bleibt der Stadt vorbehalten.

Drinnen aber herrscht Sonnenschein. Auf den Bildern an den Wänden der ehemaligen Sommerresidenz des großen Berliner Malers blühen die Geranien purpurrot, die Bäume tragen Grün, auf den Wiesen blitzen Sonnenflecken in Gelb und Weiß. Mag sein, dass dem Berliner Betrachter das Gemälde „Blumenterrasse im Wannseegarten nach Nordosten“ noch ein wenig leuchtender erscheint, handelt es sich doch um eine glückliche Rückkehr. Nach 85 Jahren ist das Werk genau dort wieder zu sehen, wo es einst seine letzten Farbtupfer erhielt: im Atelier des Malers.

Mit der „Blumenterrasse“ kamen acht weitere Gemälde sowie vierzig Pastelle, Zeichnungen, Grafiken und Briefe als „noble Gäste“. So nennen sich die von der Kunsthalle Bremen ausgeliehenen Schätze der Ausstellung „Die Papageienallee am Wannsee“. Das Bremer Museum wird umgebaut und erhält zum Altbau von 1949 zwei vom Berliner Architektenbüro Hufnagel Pütz Rafaelian entworfene flankierende Gebäude hinzu; es bleibt bis zum Winter 2010/11 geschlossen. Über 200 Werke werden deshalb in der Bundesrepublik auf Wanderschaft geschickt, um in 21 Museen – integriert in den jeweiligen Bestand – für Bremen zu werben. Die dortige Kollektion gehört neben den Liebermann-Sammlungen der Alten Nationalgalerie und der Hamburger Kunsthalle international zum Besten. In Berlin kam eine Sonderausstellung zustande, denn was lag näher, als diese Werke vorübergehend dorthin zu geben, wo ihre Wurzeln liegen, und die Berlin-Bremen-Geschichte neu zu erzählen.

Nach ausgedehnten Studienaufenthalten 1884 nach Berlin zurückgekehrt, tat sich Liebermann unter der rigiden kaiserlichen Kunstpolitik zunächst schwer, offizielle Anerkennung zu finden. Anders in Bremen und Hamburg, wo eine selbstbewusste Bürgerschaft ihren eigenen Kunstgeschmack kultivierte und für die heimische Sammlung gern das Neueste vom Neuen erwarb: den in der Hauptstadt vom Kaiser verhassten Impressionismus. Animiert von fortschrittlichen Museumsdirektoren wie Gustav Pauli in Bremen und Alfred Lichtwark in Hamburg, bestellten die wohlbetuchten Kaufmannsleute beim Berliner Maler Max Liebermann ihre Bilder, darunter auch ein Porträt der Sammlerin Adele Wolde, das nun ebenfalls am Wannsee zu sehen ist.

„Bremen muss sich ergeben“, lautete Liebermanns Schlachtruf, mit dem die moderne Malerei die Hansestadt erobern sollte. In Gustav Pauli, der die Kunsthalle ab 1905 leitete, besaß er einen starken Kombattanten. Davon zeugt auch der in einer Vitrine ausgestellte Briefwechsel zwischen dem Museumsmann und dem Maler, gleich neben einem Skizzenbuch, das auf seiner aufgeschlagenen Seite eine Strandszene zeigt. Das Heftchen ist so schmal, dass es in der Jacketttasche des Künstlers Platz fand. Pauli schlug sich wacker im Kampf um die Moderne, zeigte Liebermann wieder und wieder auf gleicher Höhe mit Claude Monet und den anderen französischen Meistern, hielt Vorträge, schrieb Aufsätze für die gute Sache, und schon 1909 hieß es: „Überhaupt wächst sich Bremen zu einer festen Burg des Impressionismus aus.“

Das heutige Zusammenspiel von Museum und Sammlern funktioniert ähnlich: Die Interessen beider Seiten gingen glücklich Hand in Hand. Manches Bild gelangte als Schenkung in die Kunsthalle, oder die Förderer sammelten Geld für Ankäufe. Als erstes Liebermann-Gemälde übergab der Galerie-Verein 1907 die beschauliche Ansicht vom „Proveniershuis in Haarlem“, ein Jahr darauf stiftete die Kommerzienrätin Berta Biermann die „Kuhhirtin“, das mit 40 000 Mark teuerste Bild der Deutschen Kunstausstellung. In seinem Entstehungsjahr, fast zwei Jahrzehnte zuvor, machte es noch Skandal: Einfache Leute galten bis dahin als einer solch monumentalen Darstellung nicht würdig.

Im rückständigeren Holland fand Liebermann noch eine von der Industrialisierung unberührte Welt – die Gänserupferinnen und Netzflickerinnen, die tüchtigen Mägde, die ihre Wäsche zur Bleiche auf der Wiese ausbreiten, die fleißigen Näherinnen vor dem Waisenhaus. Im Lauf der Zeit aber hellt sich Liebermanns Palette auf, kehrt Sonnenschein ein, spielen die Lichteffekte eine größere Rolle. Der Maler wendet sich zunehmend auch anderen Themen zu, den heiteren Seiten des Lebens: den Spielen am Strand von Noordwijk, der Mußestunde im Gartenlokal, Spaziergängern und Reitern. Zu den schönsten Beispielen dieser harmonischen Begegnung von Mensch und Natur gehört die „Papageienallee“ von 1902, die ähnlich wie die „Kuhhirtin“ nur ausnahmsweise die Bremer Kunsthalle verlassen darf. Was die späteren Gartenstücke vollends dominiert, deutet sich hier an: das Spiel der Sonnenflecken auf dem hellen Kiesweg, das strahlende Rot der bunt gefiederten Aras, die farbigen Schatten. Das Motiv hatte Liebermann noch im Tiergarten von Amsterdam entdeckt; fortan war seine Aufmerksamkeit auch auf den Berliner Zoo gelenkt.

Die Ausstellung in der Liebermann Villa deckt die gesamte Bandbreite ab, von den in dunklen Tönen gehaltenen holländischen Sittengemälden bis hin zum Spätwerk mit den blühenden Gärten. So klein und überschaubar die Präsentation auch ist, der Besucher vollzieht jeden Schritt der Veränderung mit und gelangt schließlich zu den zahlreichen Skizzen, auf denen Liebermann Impressionen der aus Süddeutschland importierten Bierwirtschaften festhielt. Sie nehmen sich wie ein Vorgriff auf das eigene Haus in Wannsee aus, denn bereits hier variiert der Maler das Thema Architektur im Grünen. Dank dem temporären Kunstimport aus Bremen machen sie nun Station im „Schloss am See“, wie Liebermann sein Domizil einst nannte.

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstr. 3, bis 4. Mai., Mi –Mo 11 –17 Uhr. Eröffnung an diesem Sonntag um 11 Uhr. www.liebermann-villa.de

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