Kultur : Spiel der Welt ein Loch in den Bauch

PETER VON BECKER

Ein Welthammer! Das Theater mit seinen Stücken, Aufführungen, Schauspielern ein "richtiger Welthammer", das ist natürlich der kühnste Theatertraum: jedes Spiel ein schlagender Beweis der eigenen Übertreibungsmacht.Als Claus Peymann mit seiner Schar im Jahr 1986 Bochum (damals ein Weltdorf und eine Theaterhauptstadt) verließ, um die Wiener Burg zu erobern, hatte ich Thomas Bernhard für das Jahrbuch von "Theater heute" um einen Text zu diesem Abschied und Aufbruch gebeten.Wenige Tage später schon schickte der Dichter aus dem Hotel Ritz in Madrid seinen Beitrag, ein Dramolett: "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen".

Mit ebendiesem Titel eröffnet heute abend auch das Berliner Theatertreffen 1999.Und die Pointe ist, daß Claus Peymann schon wieder umzieht und aufbricht, vom Burgtheater nunmehr, um das Berliner Ensemble zu erobern.Nur Thomas Bernhard fehlt dabei, jetzt muß es der Geist des toten Lieblingsdramatikers tun; und wie Bernhard Wien und die Welt für eine grauenhaft herrliche Komödie hielt, so hätte ihm Berlin wohl als wüster Wahnwitz vorgeschwebt.Weshalb das Theatertreffen auf der Riesenbühne des Schiller-Theaters zu Recht mit einem Witz beginnt.Zum Auftakt erklingt eine Westernmusik, die unseren Helden, Herrn P., gleich in der Totale erwarten läßt (Prärie, Weltall, Potsdamer Platz oder Foyer des Burgtheaters...).Stattdessen rollt aus der Tiefe des Raums eine Theaterpuppenstube heran, ein winziger Klappkasten, in dem außer der "Hose" noch zwei weitere "Peymann"-Dramolette spielen: teils mit realen Puppen - das sind die in der Umzugskiste verschimmelten Dramaturgen nebst ein paar erstickten Schauspielern - sowie dem rotwangigen, rappelköpfigen Peymann-Darsteller Martin Schwab und der sanft ironischen Kirsten Dene als dreifachem Double.Mal verwandelt sie sich in Fräulein Schneider (Peymanns Sekretärin), mal in Peymanns Geistesschatten Hermann Beil, den ewigen, unersetzlichen Dramaturgen, in dessen Maske Frau Dene zugleich verblüffend an Frau Löffler erinnert; und ganz wunderbar unnaturgemäß schlüpft sie beim "Hosenkauf" auch in Thomas Bernhards zweite Haut.Derweil changiert Schwab in der Rolle seines eigenen Chefs zwischen schwitzender Depression und kasperlndem Furor, dann ruft er befreiend, befeuernd aus: "Schreiben Sie der Welt ein Loch in den Bauch / schreiben Sie einen richtigen Welthammer Bernhard!"

Das Welthammerdramolett, die drei Theaterwahnsinnskomödien hat der junge Regisseur Philip Tiedemann fürs Wiener Akademietheater als leichthändige Miniaturen inszeniert.Das wirkt allemal amüsant.Doch der Riß zwischen Kunst und Leben ist immer nur eine Schmunzelfalte, wenig bleibt vom Abgründigen eines Theaterdirektors, der doch zugleich ein Theaterdiktator ist: bisweilen ein Menschenschinder, am liebsten ein Menschheitsbeglücker.Hier aber wird gleichsam mit dem Porzellanhämmerchen an den Eisernen Welttheatervorhang geklopft - solch ein Auftakt kontrastiert als Winzigkeitsübertreibung recht sonderbar mit dem üblichen Anspruch des Berliner Festivals.Und mit den gegenwärtigen Weltläufen.

Selten hat es auch soviel Betriebsamkeit rings um das Theatertreffen gegeben, noch nie soviel Publicity.Wieder überträgt 3sat die meisten der zehn geladenen Inszenierungen im Fernsehen, selbst Harald Schmidt ist am Sonnabend für eine Sondersendung im Einsatz; es gibt neben dem traditionellen Stückemarkt, der öffentlichen Lesung aus neuen Theatertexten, eine Unzahl von Rahmenprogrammen, Diskussionen, Preisen, Garnierungen - und erstmals ist als Festivalkatalog auch ein vielfarbiges, 200 Seiten opulentes "Theaterjahrbuch 1999" erschienen, das nach Angaben des kooperierenden Münchner Prestel Verlags "beweist: das Theater ist lebendiger denn je".Dazu hat sich Peter Iden als Sprecher der fünfköpfigen Jury (mit Benjamin Henrichs, Ulrike Kahle, Friedemann Krusche und Christine Richard) in seinem Vorwort gleich von den letztjährigen Theatertreffen abgesetzt: indem er statt des Interesses "der Kritiker-Juroren an neuen Texten oder betont eigenwilligen szenischen Auslegungen älterer Stücke" eine "Entfaltung differenzierter schauspielerischer Ausdrucksmittel" verspricht.

Tatsächlich versammelt die Auswahl der nach Jury-Ansicht im Zeitraum zwischen März 1998 und Februar 1999 bedeutendsten zehn Neuinszenierungen des deutschsprachigen Theaters wieder prominente Regienamen: Luc Bondy, Peter Zadek, Andrea Breth, Achim Freyer, Frank Castorf; hinzu kommen Valentin Jeker und Matthias Hartmann sowie als Theater-Debütanten die jungen Regisseure Thomas Bischoff, Martin Kusej und Tiedemann.Kaum aber sind es - nach sieben von zehn Aufführungen zu urteilen - die Qualität der Stücke oder gar der Inszenierungen als ganze, die dieses Theatertreffen lohnen, rausreißen, beflügeln werden.Mit zwei, drei Ausnahmen besticht hier auch nicht der Glanz oder die Geschlossenheit, Verschworenheit der Ensembles, die Iden kulturpolitisch zu Recht als das Herz im Organismus des deutschen Subventionstheaters beschwört.Tschechows "Onkel Wanja" in Andrea Breths Abschiedsregie an der Berliner Schaubühne zeigt zum Beispiel eher den Zerfall eines einst bewundernswürdigen Ensembles; und auch Martin Kusejs Version von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Hamburger Thalia-Theater lebt eher aus einzelnen Stimmungsbildern (inmitten viel bemühter Stimmungsmalerei), lebt von Einzelleistungen vor allem der erfahrenen Schauspielerinnen Hildegard Schmahl und Elisabeth Schwarz.Der jungen Sylvie Rohrer als Leidensfräulein Marianne aber bietet ein grellblasser Reigen von Mannsbildern, die aus ihren Wiener Herzen nur die immerselbe flache Mördergrube machen, kaum Halt, kaum dramatische Reibung.

Auch ein zweiter Horváth, "Figaro läßt sich scheiden", eine späte Fortschreibung Beaumarchais und Mozarts hinein in eine Welt der gleichschaltenden Revolution und des Kleinbürgerkriegs, erzählt im Kern nicht viel mehr als die Geschichte eines Ehekleinkriegs (Susanne will endlich Kinder, Gatte Figaro verweigert den ehelichen Vollzug).Der wenig bekannte Text (von 1935) weckt einige zeitgeschichtliche Assoziationen, er erzählt auch ein Flüchtlingsdrama, doch das reicht heute nur für Sekundenblitze.Man sieht in Luc Bondys sorgfältiger Inszenierung aus dem Wiener Josefstadttheater Akteure wie Helmuth Lohner als Graf Almaviva und Gertraud Jesserer als seine Gräfin im Irgendwo des Exils: fahle Gespenster hier einer längst vergangenen Geschichte - und Gert Voss, der größte Schauspielkünstler, gleicht als Figaro im realen Friseursalon einem Märchenriesen, verwunschen in eine Zwergwirklichkeit.

Wie harmlos verspielt wirkt auch Frank Castorfs halbkabarettistische Version von Sartres nicht mehr so recht scharfem, allzu zeitlos-ortlosem Balkan-Drama der "Schmutzigen Hände" (Berliner Volksbühne).Im Ungefähren sehen wir, ähnlich wie beim "Figaro", daß der Bürgerkrieg seine Sieger und die Revolution ihre Künder frißt.Aber diese Zurichtung (mit eingestreuten Karadzic-Gedichten und ballernden Kalaschnikows) ist keine Zuspitzung geworden, und wieder lebt der Abend vor allem von schauspielerischen Momenten, die aufleuchten und verzischen gleich Kugelblitzen: hier Henry Hübchens Operetten-Tito zum Scherz, dort Kathrin Angerers Liebestod als Schmerz: Phantome allemal.

Bleibt das Warten auf Peter Zadeks vor dem Theatertreffen nicht mehr gespielter Hamburger Erstaufführung von "Gesäubert".Das Horrordrama, mit Ulrich Mühe, Susanne Lothar und dem Youngster August Diehl hoch besetzt, gilt dem Festival auch als Requiem für die Autorin Sarah Kane, die, noch nicht 30, kürzlich Selbstmord beging.Dazu Einladungen an den eben 65 gewordenen Bilderzauberer Achim Freyer (mit Kroetzens "Eingeborener" als Menschenpuppenspiel aus Wien) und das Debüt des strengen Formalisten Thomas Bischoff mit seiner Leipziger "Weiberkomödie" (nach Heiner Müller).Indes macht die Auswahl schwer verständlich, warum Christoph Marthalers Hamburger "Spezialisten", Dieter Dorns Münchner "Cymbeline" (ein fast nie gesehener Shakespeare) oder Stefan Bachmanns Basler Inszenierung von Tankred Dorsts "Merlin" nicht nominiert wurden.

So bleiben eine Entdeckung - und eine Empfehlung: Die 24jährige Johanna Wokalek, im Kino bereits aufgefallen neben dem Titelpaar in "Aimée und Jaguar", ist als Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd" mit ihrer hellen, in die Tiefe leuchtenden Leidenschaft wohl die Nachwuchsschauspielerin der Saison.Leider nur wird in Valentin Jekers Inszenierung um sie herum sehr viel und vergleichsweise monoton geschrien (Schauspiel Bonn).Zum Schluß freilich das schönste Paar dieses Treffens - und in den Worten von Botho Strauß "das höchstentwickelte Lebewesen" auf Erden.Es ist "der menschliche Vierfuß", der sich vom Streitpaar zum Liebespaar (und wieder zurück) zu entwickeln vermag.Straußens coup de foudre wird zum "Kuß des Vergessens", den gleichnamigen Szenenreigen hat Matthias Hartmann am Zürcher Schauspielhaus auf Karl-Ernst Herrmanns hochraffinierter Bühne als sein Meisterstück inszeniert.

Mit Otto Sander als unergründlich Verführtem und Anne Tismer als Liebhaberin, einer stoisch Explosiven, einer zärtlichen Mänade.Sie spielen in Berlin das Paar der Paare.Der Rest sind Passanten.

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