Kultur : Spiel doch mit den Schmuddelkindern

Welche Kunst brauchen wir? Der Streit um den Hauptstadtkulturfonds weitet sich zur Debatte über rot-grüne Kulturpolitik

Christina Tilmann

Die Auswahlliste liest sich als eine einzige Erfolgsgeschichte. Wer in den letzten Jahren vom Hauptstadtkulturfonds gefördert worden ist, hat oft international für Aufsehen gesorgt. Und doch: Seit dem Streit um die von den Kunst-Werken geplante RAF-Ausstellung im vergangenen Sommer kriselt es. Debatten um die vom Hauptstadtkulturfonds unterstützte Zwischennutzung des Palasts der Republik, eine im neuen Hauptstadtkulturvertrag festgeschriebene Änderung der Vergabepraxis und die jüngste Ablehnung einer historischen Ausstellung im Palast der Republik haben der Diskussion Zunder gegeben.

Doch es geht um mehr als nur umstrittene Einzelentscheidungen: Das erfolgreiche und mit 10,2 Millionen Euro noch nicht einmal übermäßig hoch dotierte bundeseigene Förderinstrument für die Hauptstadt Berlin gerät unversehens zum Prüfstein für den Stand rot-grüner Kulturpolitik. Wie viel Staatsnähe, wie viel Staatsferne darf sein, wer bestimmt, was der Bund fördert und was nicht, welche Kultur wünschen wir uns für unsere Hauptstadt? Und: Wie frei ist die Kunst im Berlin des Jahres 2004?

Fragen, die auch in einer engagierten Diskussion im Apollosaal der Staatsoper am Montag zur Sprache kamen. Mehr noch als die aktuellen Fördervorschläge der Jury, über die der Gemeinsame Ausschuss von Bund und Land Berlin am Dienstagabend beraten soll, ging es dabei um das grundsätzliche Problem, wie mit dem Instrument Hauptstadtkulturfonds in Zukunft umzugehen sei. Zu beobachten sei, so Art-Forums-Chefin Sabrina van der Ley, die als Mitglied des Beirats die Rolle der Kassandra übernahm, eine „schleichende Erosion des Hauptstadtkulturfonds“ sowie eine „Aushöhlung der Kernidee als unbürokratisches Instrument der Kulturförderung“.

Dass der Hauptstadtkulturfonds höchst effektiv arbeitet, das stellt wohl keiner in Frage. Im Gegenteil: Förderinstrumente wie der Hauptstadtkulturfonds oder die – ähnliche Projekte fördernde – Bundeskulturstiftung haben sich in den letzten zehn Jahren zu einer wichtigen Alternative der Kulturförderung entwickelt. Dank seiner unbürokratischen, szenenahen Arbeit ist der Fonds zu einem der wichtigsten Innovationsförderer Deutschlands geworden.

Künstler wie Constanza Macras, Sasha Waltz, Rimini Protokoll, Gesine Dankwart, Nicolas Stemann, Nico and the Navigators, Lubricat, Astrid Grisebachs „Theater des Lachens“, Christiane Pohle, Ivan Stanev, Anna Huber, Lindy Annis, die Zeitgenössische Oper, die beiden Berliner Literaturfestivals, das Künstlerhaus Bethanien, c/o Berlin, Rohkunstbau, Harm Lux, Veronika Kellndorfer und Tino Sehgal haben von der Förderung profitiert. Projekte, Gruppen, Namen, die die Kulturszene Berlin international zum Markenzeichen gemacht haben – von Avignon bis Edinburgh, von Venedig bis São Paolo. Allerdings: Die projektbezogene Förderung des Hauptstadtkulturfonds trifft selten die großen, mit Millionenbeträgen subventionierten Häuser, die Staatstheater, Opernhäuser und Staatlichen Museen. Gefördert wird eine freie Szene, die wenig mit repräsentativer Kultur, umso mehr mit ästhetischer Innovation zu tun hat. Sie als „Schmuddelprojekte“ zu diffamieren, so Nele Hertling, zeuge von wenig Kunstverstand.

Das genau scheint jetzt zum Problem zu werden. Hinter der erbitterten Debatte um den Hauptstadtkulturfonds steht die Befürchtung von Seiten der Kulturszene, dass staatliche Kulturförderung sich in finanzschwachen Zeiten wieder stärker auf repräsentative Großkultur zurückzieht. Also nicht mehr die eigenen Produktionen in Berlin, die dann erfolgreich in alle Welt exportiert werden können, sondern der Import internationaler Großereignisse. Peter Brooks „Tierno Bokar“ im Rahmen der Spielzeit Europa, die „Sophie Calle“-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die „Stanley Kubrick“-Ausstellung aus dem Frankfurter Filmmuseum und die Eröffnungsveranstaltung des Schiller-Jahrs in der Akademie der Künste sind einige der jüngsten Beispiele. Kulturstaatsministerin Christina Weiss macht aus ihrem Wunsch, solche internationalen Großereignisse auch für Berlin zu sichern, längst keinen Hehl: Im „Tagesspiegel“-Interview träumte sie von Ausstellungsscouts, die rund um die Welt das Angebot sicherten. Und weil solche Ausstellungen viel Geld kosten, soll dafür eine Million Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds abgezweigt werden. Geld, welches ohne Empfehlung der Jury direkt von der Politik vergeben würde.

Die Jury jedoch hat ohnehin weniger zu melden. Mit dem neuen, im Dezember 2003 unterzeichneten Hauptstadtkulturvertrag hat der Fonds eine neue Entscheidungsstruktur erhalten. Ein gemeinsamer Ausschuss mit Vertretern von Bund und Land Berlin entscheidet einstimmig, die Kuratorin Adrienne Goehler hat keine Stimme mehr. Bestünde kein politischer Wunsch nach Kontrolle oder Einflussnahme, wäre eine solche Änderung des Verfahrens nicht nötig gewesen.

Ein kleiner Sieg jedoch ist zu feiern: Der im April 2005 neu zu bestimmende Beirat wird nun doch allein vom Rat der Künste, nicht vom Gemeinsamen Ausschuss vorgeschlagen.

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