Kultur : Spiel mir das Lied von der Not

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Von Uwe Friedrich

Lisa ist die Femme Fatale in Franz Schrekers Oper „Christophorus“. Für sie gibt der Komponist Christoph die Kunst auf. Lisa bekommt ein Kind von ihm und leidet dann darunter, dass ihr Körper nicht mehr makellos ist. Ein anderer Komponist, Anselm, bespricht mit ihr seine neue Oper „Christophorus". Lisa tanzt für ihn die Figuren der Flamme, der Welle und der Sünde, die Szene gipfelt im Ehebruch. Ihr Mann Christoph kommt hinzu und erschießt Lisa, Christoph und Anselm müssen fliehen. Und das ist nur der erste Teil. Auch gutwillige Zuschauer fragen sich zur Pause besorgt, welche Kolportage Schreker im zweiten Teil seiner Oper noch auf sein Publikum loslässt.

Doch „Christophorus oder Die Vision einer Oper“ ist ein kunstvolles Spiel mit den verschiedenen Bedeutungsebenen. Es beginnt in der Stube des Musikmeisters Johann. Seine Schüler sollen ein viersätziges Streichquartett über die Legende vom heiligen Christophorus schreiben. Doch Anselm, die zynische Hauptfigur der Oper, will nicht bloß ein Quartett schreiben, er strebt nach Höherem. Eine Oper soll es sein. Ihm werden jedoch die verschiedenen Ebenen durcheinander geraten, er vermischt sein Leben und die Figuren seines Umfeldes mit denen der Oper. Schließlich scheitert er an dem Werk, vollendet aber den Quartettsatz.

Die Kieler Operndirektorin Kirsten Harms zeigt in ihrer Inszenierung Schrekers „Christophorus“ als Vexierbild der verschiedenen Schichten. Bühnenbildner Bernd Damovsky hat ihr einen steilen, weißen Guckkasten gebaut, der durch halbdurchsichtige Vorhänge in drei Ebenen gestaffelt ist. Im ersten Akt überragt das Gesicht Anselms, auf den Zwischenvorhang projiziert, das Geschehen. Wie viel von dem, was wir sehen, spielt sich nur in Anselms Kopf ab? Die Wirklichkeit der Arbeit an der Kunst vermischt sich mit der Wirklichkeit der Kunstfiguren. Es beginnt eine verwirrende Überlappung der Realitätsebenen. Dialoge gehören ebenso dazu wie ausgedehnte Melodram-Passagen, Fernchöre und Bühnenorchester.

Anselm stolpert durch diese Welt voller Möglichkeiten und bizarrer Zufälle. Im zweiten Akt wird er aufgesogen in die nächst tiefere Schicht, eine Lasterhöhle in Paris, ästhetisch orientiert an den Bildern von Otto Dix. Im Hintergrund leuchtet ein prunkvoller Zuschauerraum. Anselm steht gleichsam auf der Bühne des imaginierten Opernhauses und muss doch in Wahrtheit anzügliche Lieder am Klavier begleiten.

Während der erste Akt dieses Spätwerks in einem relativ trockenen Parlandostil daherkommt, rauschen hier Schrekers geheimnisvollen Klanglandschaften auf. Die aneinander gereihten Akkordgebilde haben keine harmonischen Funktionen mehr. Zwar gibt es noch eine Dur/Moll-Tonalität, doch durch die häufige Gleichzeitigkeit verliert sie an Schärfe, die Klangfarben fließen schillernd ineinander.

Gerade weil es keine Leitmotive gibt, weil die Musik in starker Abhängigkeit von der Bühne steht, ist ein ordnender Dirigent ungeheuer wichtig in diesen Musikmassen. Kiels Generalmusikdirektor Ulrich Windfuhr fächert die Klänge auf, lässt Streicher aufblühen, die Bläser Akzente setzen und vergisst darüber nie die Klangbalance mit der Bühne.

Als Charakter vielfach gebrochen und stimmlich doch immer verführerisch schimmernd singt Robert Chafin den Anselm. Durchschlagskraft und Farbenreichtum lassen ihn den Abend auch da tragen, wo die Musik nicht auf Anhieb überzeugt. Mit Susanne Bernhard (Lisa) und Jörg Sabrowski (Christoph) zeigt sich auch das Kieler Ensemble von der gesündesten Seite.

Mitten im zweifelhaften Unterhaltungsetablissement hat Anselm die Vision des Christophorus, der das Kind trägt. Der Farbenrausch des Bühnenlichts entspricht den Klangmassen aus dem Orchestergraben. Anselm bemerkt entsetzt, wie ihm sein Werk entgleitet. Diese Szene erzählt mehr über die Schwierigkeiten des schöpferischen Menschen als viele längst durchgesetzte Werke des Musiktheaters. Ob Schrekers anhaltendes Schattendasein noch immer mit der Verfemung durch die Nazis zu tun hat oder vielleicht doch damit, dass er eine einfache Botschaft verweigert, kann auch in Kiel niemand wirklich erklären. Dass sich die Auseinandersetzung mit Schrekers Werken auch heute noch auszahlt, hat Regisseurin Kirsten Harms glanzvoll bewiesen.

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