Kultur : Spiel mir das Lied von Rom

Ein Großmaul entspannt sich: Morrisseys neues Album „Ringleader Of The Tormentors“

Christian Schröder

Für Dandys existiert die Wirklichkeit nicht. Was zählt, ist Stil. Die Welt und ihre ästhetischen Zumutungen halten sie sich mit Ironie vom Leib. Oscar Wilde, der berühmteste aller Dandys, raffte sich noch auf dem Sterbebett zu einem Bonmot auf. „Diese Tapeten bringen mich um. Einer von uns beiden muss gehen“, sollen die letzten Worte des Dichters gewesen sein, der in einem Pariser Hotel starb, mittellos und ausgelaugt von einer zweijährigen Gefängnishaft, zu der er wegen seiner Homosexualität verurteilt worden war.

Steven Patrick Morrissey ist jetzt 46 Jahre alt, so alt wie Oscar Wilde zum Zeitpunkt seines Todes. Morrissey entschied sich früh, ein Dandy sein zu wollen. An Eleganz, Affektiertheit und der Lust an der Provokation kann es bis heute kein anderer britischer Popstar mit ihm aufnehmen, nicht einmal Robbie Williams. Glühender Wilde-Verehrer ist Morrissey, seit seine Mutter, eine Bibliothekarin, ihm im Alter von acht Jahren dessen Märchen zu lesen gab. Später, da war der Sänger schon berühmt, stilisierte er sich auf Fotos mit Orchideen, Wildes Lieblingsblumen, zum Fin-de-siècle-Artisten. Ein Hang zum Poetentum, über den die Kollegen seiner Band The Smiths milde spotteten. „Oscillate Wildly“ nannten sie ein ulkig schepperndes Instrumental, den einzigen Track der Smiths, der ohne einen Text von Morrissey und seinen theatralischen Gesang auskam.

Die Smiths, neben New Order und den Pet Shop Boys die wirkungsmächtigste englische Gruppe der Thatcher-Ära, sind seit achtzehn Jahren Geschichte. Aber Morrissey tremoliert inbrünstiger denn je. „I am walking through Rome / With my heart on a string / And i am so very tired / Of doing the right thing“, singt er auf seinem großartigen neuen Album „Ringleader Of The Tormentors“. Im Hintergrund schwelgen Streicher, Synthieteppiche bimmeln wie Kirchenglocken. Die Stimme: ein leicht gepresster Belcanto. „Dear God Please Help Me“ heißt die berückende Ballade. „I have forgiven you Jesus“, hatte Morrissey, als Kind irischer Einwanderer in Manchester römisch-katholisch aufgewachsen, 2004 auf seiner Comebackplatte „You Are The Quarry“ verkündet. Eine religiöse Erlösungsfantasie, Ausdruck dandyesken Hochmuts: Gott bin ich selber. Nun schildert er, Höhepunkt der Blasphemie, einen Beischlaf mit dem Allmächtigen: „Now I’m spreading your legs / With mine in between.“

Oscillate Wildly, wild oszillierend: Die Beschreibung passt noch immer, nicht nur auf Morrisseys eigenwilligen Vokalstil, sondern auch auf den Verlauf seiner Karriere nach dem Ende der Smiths. „Viva Hate“ hieß sein Solodebüt, der Hit „Everyday Is Like Sunday“ war eine beschwingte Auslöschungshymne, die das sofortige Armageddon für alle Provinzstädte forderte. Doch in den neunziger Jahren verzettelte sich der Sänger in der Mittelmäßigkeit, zerstritt sich mit der britischen Presse, verlor seinen Plattenvertrag und zog zornig in ein selbst gewähltes Luxusexil nach Los Angeles. Erst mit „You Are The Quarry“ war er wieder obenauf. Das Cover zeigte ihn mit gezückter Maschinenpistole, eine Anspielung auf das Logo des Dub-Reggae-Labels „Attack“, das Morrissey zu Ehren wiederbelebt worden war.

„Ringleader Of The Tormentors“ ist Morrisseys bislang rockistischste Platte. Der legendäre Produzent Tony Visconti, Sound-Schöpfer der epochalen Bowie-Alben „Space Oddity“, „Low“ und „Heroes“, hat Gitarren, Bass und Schlagzeug weit nach vorne gemischt. Es bratzt und dengelt mächtig in den Uptemponummern „The Youngest Was The Most Loved“ und „On The Streets I Ran“. Die Single „You Have Killed Me“ beginnt mit drängelnden E-Gitarren-Girlanden, der Refrain säuselt so eingängig, dass er von ganzen Fußballstadien mitgesungen werden könnte: „As I live and breathe / You have killed me.“ Eine Anklage, die genauso vieldeutig bleibt wie die Zeilen „Pasolini is me /Accattone you’ll be“, die auf Pasolinis neorealistisches Zuhälter-Melodram „Accattone“ verweisen. Aus der Homosexualität des Filmregisseurs Rückschlüsse auf die Biografie des Sängers zu ziehen, wäre zu einfach. Morrissey hat sich – anders als Oscar Wilde – nie öffentlich dazu bekannt, schwul zu sein.

Wo die Pose endet und der Ernst beginnt, war bei „Mozza“ – so sein schneidiger Spitzname – nie ganz klar. Deshalb üben sich seine Fans und seine Verächter seit den Tagen der Smiths in Song-Hermeneutik. Damals wurde ihm Rassismus attestiert, weil er „Hang the DJ“ sang, was Kritiker als unkorrekten Angriff auf vorwiegend schwarze Dancefloor-Kulturen verstanden. Zuletzt erregte Morrissey mit dem Stück „Irish Blood, English Heart“ Anstoß, in dem er einen Nationalismus forderte, bei dem man „zur Flagge stehen“ könne, ohne sich dafür „schämen“ zu müssen. Derlei gezielte Provokationen fehlen auf dem neuen Album, es gibt auch keine plumpen USA-Beschimpfungen („America – Your belly’s too big“) mehr.

Stattdessen: Abarbeiten an Gottesbegriffen („The Father Who Must Be Killed“) und den Mühen des Stardaseins („I’ll Never Be Anybody’s Hero Now“), sogar eine handfeste Liebeserklärung („To Me You Are A Work Of Art“). Der Hass der Spätadoleszenz scheint verdampft, Morrissey wirkt altersmilde. Die Entspanntheit, die über dieser Platte liegt, dürfte mit dem Ort zu tun haben, an der sie eingespielt wurde: Rom. Seine kalifornische Villa hat der Bush-Gegner verkauft, um sich in ein Hotel unweit der Spanischen Treppe einzumieten. Ennio Morricone lieferte einige Streicherarrangements, die im tobenden Rock des Albums allerdings ziemlich untergehen, und ein Knabenchor skandiert: „There is no such thing in life as normal.“ Eine Lobpreisung des Normalseins, vom größten Großmaul des britischen Pops hätte man das nicht unbedingt erwartet. Die schönste Pointe von „Ringleader Of The Tormentors“ ist aber das Cover. Da fiedelt Morrissey in einer Deutsche Grammophon-artigen Optik wie Anne-Sophie Mutter auf einer Geige. Der Dandy als Klassiker.

Morrissey: Ringleader Of The Tormentors (Attack/Sanctuary) erscheint Freitag.

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