Kultur : Spiel mit Gott

Zurück zu den Wurzeln: Byambasuren Davaa und ihr Film „Die Höhle des gelben Hundes“

Sebastian Handke

So beschwerlich und ungewiss sind Filmcastings nur selten. Zumal, wenn man eigentlich nichts braucht als ein paar Tiere und eine fünfköpfige Familie. Doch es gibt keine Karte, auf der Nomadenfamilien in der mongolischen Steppe verzeichnet wären, und so bleibt einem nichts übrig, als einfach loszufahren – und zu hoffen, dass man irgendwann auf ein Zelt stößt. Mit einer Familie, die sich erklären lässt, was eine Filmkamera ist und warum der Rest der Welt ihr beim Aufhängen von Käsegirlanden zuschauen mag.

Mit ihrem Dokumentarfilm „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ war Byambasuren Davaa vor zwei Jahren ein beispielloser internationaler Überraschungserfolg gelungen, der sogar eine Oscar-Nominierung zur Folge hatte. Für „Die Höhle des gelben Hundes“ nun reiste die Filmstudentin abermals von München in ihre mongolische Heimat zurück, um diesmal das traditionelle Leben der Nomaden zu porträtieren. 4000 Kilometer fuhr sie durch den Nordwesten der Mongolei, bis die Hauptdarsteller gefunden waren. „Ich wollte die Familie auf keinen Fall zusammenwürfeln“, sagt Davaa, denn wie schon ihr letzter Film ist auch ihr neuer ein Zwischending aus Spiel- und Dokumentarfilm. „Es sollte auch keine völlig alttraditionell lebende Familie sein, sondern ein junges Ehepaar, das auch offen ist für eine neue Zeit.“

Byambasuren Davaa lässt ihre Zuschauer den Nomadenalltag gemeinsam mit deren Kindern erleben. „Das Leben der Nomaden und ihr spirituelles Denken sind dem Westen fremd. Es war mir wichtig, niemanden zu belehren – einem Kind aber öffnet jeder sein Herz. Man lernt einfach gemeinsam mit ihm.“ Vor der Erhabenheit einer gewaltigen Naturkulisse entfaltet sich unwiderstehlich die Niedlichkeit der kleinen mongolischen Rundköpfe mit ihren antennenartig abstehenden Zöpfen. Vor allem die ältere Tochter Nansal ist eine erstaunliche Hauptdarstellerin: Sie hat ein natürliches Talent für Stolz und Komik und eine verblüffende Sicherheit im Umgang mit Tieren. Wenn die Sechsjährige aufs Pferd steigt, um die Herde ins nächste Tal zu treiben, wirkt das routiniert wie der Ritt eines gealterten Westernhelden.

Als ihre Mutter sie zum Dungsammeln schickt (es war auch „in Wirklichkeit“ das erste Mal für sie) findet Nansal in einer Höhle einen wilden Hund. Der Vater will ihn wieder loswerden, das streitbare Mädchen dagegen nicht. Diesen kleinen Generationenkonflikt verbindet Byambasuren Davaa mit Elementen des naturnahen mongolischen Glaubens: Der Hund ist zwar eine Gefahr für die Schafsherde, aber er ist auch die letzte Stufe vor der Wiedergeburt als Mensch. Getragen werden die erzählende und die spirituelle Ebene von einer dokumentarischen, die das Nomadenleben an sich zeigt – die mühevolle Käseherstellung mit Bindfaden und Wagenrad, das Räuchern von Schaffleisch, die Anfertigung eines Deels (der traditionellen Nomadenkleidung), der verblüffende Abbau der Nomadenjurte, bis nur noch ein „Stempel“ im Gras davon zeugt, dass hier eine ganze Familie Haus, Hof und Herde bestellte.

Doch wie flicht man eine Erzählung in die Dokumentation ein? „Wir haben zwei Monate lang nichts anderes getan als gespielt“, berichtet Davaa lachend. „Ich habe die Kinder in eine bestimmte Stimmung versetzt und gefragt, was sie tun würden, und dann haben wir es so gedreht.“ Für die Auseinandersetzung um den Hund bat sie erst den Vater um seine Argumente, dann die Tochter. Dann brachte sie die beiden zusammen und filmte, was dabei herauskam. Anderes entstand zufällig: An einem Abend, als die Dreharbeiten schon abgeschlossen waren, begannen zwei Kinder, mit der kleinen Buddhafigur der Mutter zu spielen. „Mit Gott spielt man nicht!“, wirft das eine ein und beendet das Spiel abrupt. „Ich hätte mich nie getraut, einen so großen Satz in einen so kleinen Mund zu legen“, sagt Davaa. „Ich traue mich ja selbst nicht, diesen Satz zu sagen!“

Davaa und ihr kleines Filmteam lebten über zwei Monate mit der Familie zusammen. Manchmal haben die Kinder die Anwesenheit der Kamera vergessen, manchmal auch mitgedacht wie Filmprofis – und sich dabei vor allem in ihren Vorhersagen der Licht- und Wetterverhältnisse als glänzende Ratgeber erwiesen.

In ihrer erstaunlich zwanglosen Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm hat Byambasuren Davaa eine Idealform für ihr Erzählen gefunden, mit der sie sich diesmal sogar ein wenig in die Nähe des Emotionskinos wagt – und damit auch gefährlich nahe an den heiteren Folklorefilm. Denn das stadtferne Idyll bleibt weitgehend ungebrochen. Die Moderne bekommt darin nur einen kurzen Auftritt – als knallgrüne Plastik-Schöpfkelle, die in Mutters Wok vergessen wird und dort einfach zerschmilzt.

Capitol, Cinema Paris, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe (OmU), Kulturbrauerei, Yorck

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