Kultur : Spiel mit Grenzen

Reaktionen auf den Frankfurter Theatereklat

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Der Streit um den Frankfurter Schauspieler Thomas Lawinky und dessen Vertragsauflösung wegen seines Übergriffs auf den „FAZ“-Kritiker Gerhard Stadelmaier sorgt weiter für Aufregung. Bei einer Ensemble-Versammlung am Montag stellte Intendantin Elisabeth Schweeger den Sachverhalt erneut klar: Nicht das Schauspiel Frankfurt habe den Gastvertrag gekündigt, das Arbeitsverhältnis sei einvernehmlich beendet worden. Theatersprecherin Leonore Leonardy bestätigte dem Tagesspiegel, das Ensemble sei sich „einig darüber, dass es nun in einer theatergemäßen Form reagieren möchte“. Es wird in den nächsten Tagen eine Erklärung veröffentlichen, auch überlege man, wie die nächste Vorstellung von Sebastian Hartmanns Ionesco-Inszenierung „Das große Massakerspiel oder Triumph des Todes“ am Donnerstag über die Bühne gehen soll. Bei der Aufführung am 16. Februar hatte Lawinky Stadelmaier beschimpft und ihm den Notizblock entrissen.

Die Theaterszene reagiert kontrovers. Der Berliner HAU-Intendant Matthias Lilienthal erinnerte sich gegenüber dem Tagesspiegel an eine frühe Anekdote aus dem Staatsschauspiel Stuttgart während der Intendanz von Hansgünther Heyme: „Es war einmal im Schwabenland. Ein junger Kritiker mit Schlapphut betrat die Kantine des Staatsschauspiels, und ein Schauspieler gab ihm eine Ohrfeige. Der Kritiker hieß Stadelmaier.“ Eine Ohrfeige hält Lilienthal für einen Übergriff, dem die Entlassung eines Schauspielers folgen sollte. „Einem Kritiker den Block wegzunehmen und ihn zu beschimpfen, ist jedoch kein Weltuntergang.“ Er beobachte aber auch: „Die Fähigkeit auszuteilen steht bei vielen Kritikern in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Fähigkeit einzustecken.“ Zwischen Theater und Kritik sei „die Kommunikation häufig abgerissen“.

Der Hamburger Thalia-Intendant Ulrich Khuon findet, dass eine Entschuldigung genügt hätte. Jürgen Flimm, Intendant der Ruhrtriennale, forderte Frankfurts Oberbürgermeisterin dazu auf, die Kündigungsforderung zurückzunehmen. Theatermacher Christoph Schlingensief meint in der „netzeitung“, Stadelmaier „habe sich selbst entzaubert“. Wer eine Hartmann-Inszenierung besucht, „müsste wissen, worauf er sich einlässt“. Der Münchner Intendant Frank Baumbauer wiederum spricht von einer Überreaktion von allen Seiten, ebenso wie der Berliner Gorki-Theaterchef Armin Petras, bei dem Lawinky demnächst unter Vertrag steht. Der Dresdner Intendant Holk Freytag, Präsidiumsmitglied im Deutschen Bühnenverein, sieht in dessen Aktion hingegen eine „nicht gerechtfertigte“ Grenzüberschreitung.

Anlässlich des Eklats wird auch die Frage der Kunst- und Kritikfreiheit zunehmend diskutiert. So beschreibt Regisseur Nicolas Stemann in einem offenen Brief seinen Eindruck, dass hier „in absurder Verdrehung“ der Karikaturenstreit nachgespielt werde: „Hier die als Spiel gerahmte Provokation, da der Fundamentalist, der keinen Spaß kennt und seine Befindlichkeit zum Maßstab der Dinge macht.“ Auch Stemann fordert die Rücknahme der Vertragsauflösung für den Schauspieler und sorgt sich um den Spielraum der Kunst. chp

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