Kultur : Spiel nicht wie die Schmuddelkinder

Sie sind die Härtesten der Harten. Die Death-Metal-Szene hat neue Helden: Sinners Bleed

Henri Kramer

Es ist laut. Extrem laut. Schlagzeugwirbel rasen, ein Bass wühlt, eine verzerrte Gitarre wütet, über allem grunzt eine kehlige Stimme: Ein Geräuschinferno im Proberaum von Sinners Bleed, der wohl technisch versiertesten Berliner Death Metal-Band. Nach und nach ordnet sich das Chaos, gewöhnt sich das Ohr an den Lärm — und erkennt die vertrackten Strukturen. Erste Verständnisprobleme mit ihrer Musik kennt die Band. Doch die jungen Männer zwischen 27 und 31 Jahren glauben, dass es anderen Künstlern vor Jahrhunderten ebenso erging. „Wenn Mozart oder Beethoven Verstärker besessen hätten, sie würden wohl Metal spielen“, sagt Gitarrist Sebastian Ankert und spricht davon, dass Beethovens Neunte in ihrer Bombastik wie Metal klänge, wenn sie auf Gitarre nachgespielt würde. Die Bandkollegen nicken.

Als Avantgarde begreifen sich Sinners Bleed, denn die 1997 gegründete Gruppe spielt eine öffentlich so verpönte Musik wie Death Metal. Das Genre, ein entfernter Verwandter des Hardrock, entstand Ende der achtziger Jahre. Vor allem amerikanische Bands entschlossen sich wegen der Kommerzialisierung der Szene, noch härter und brutaler zu klingen als bereits etablierte Metal-Bands wie Metallica oder Iron Maiden. Die musikalische Spannbreite des Death Metal reicht seitdem von langsam-walzenden Riffs bis hin zu technisch versiertem „Geknüppel“. Charakteristisch sind die mindestens einen Ton tiefer gestimmten, stark verzerrten E-Gitarren und ein unverständliches Gegrunze, das Gesang zu nennen etwas weit geht. Bands wie Death, Morbid Angel oder Obituary prägten das dunkle, zum Teil nihilistische Image der schnell wachsenden Fangemeinde. Es folgten Gruppen wie Cannibal Corpse, die mit blutrünstigen Splatter-Texten für öffentliche Empörung sorgten. Einige ihrer Stücke wurden in Deutschland gar verboten.

Dem martialischen Image des Death Metal zeigen sich Sinners Bleed schon in ihrem Namen verpflichtet. Der Begriff kommt aus dem Alten Testament: Die Sünder sollen bluten. „In dieser Hinsicht ist die Bibel gesellschaftskritisch: Was du nicht erdulden willst, tue keinem anderen an, heißt es da“, sagt Bassist Gunnar Seifert, der an den Armen unter anderem mit bunten Horrorfratzen tätowiert ist. Allerdings verstehen sich Sinners Bleed mit Songs wie „Deathbringer“ oder „Injected Lies“ nicht als religiöse Apostel, sondern als Spiegel der Seele und der Gesellschaft.„Wir agieren unsere Aggressionen musikalisch aus, kanalisieren unsere Energien sinnvoll. Manch biederer Mann unterdrückt ein Leben lang seine Wut und tötet plötzlich Babys“, so der Bassist.

In ihrem Bemühen, sich durch ausgesprochen pessimistische Ansichten vom Repressionsapparat einer angepassten Bürgerlichkeit abzugrenzen, ähneln die Musiker den meisten Fans des Genres: Krach als akustische Antwort auf eine kranke Welt. So beschreibt der Pop-Literat Frank Schäfer Metal als den „Faustschlag ins biedermännische Heilewelt-Lächeln“, als „Ausdruck der verrohten industrialisierten Gesellschaft“, als einen „bösen Geist, der stets das Gute schafft“. Dem pflichtet auch Bassist Seifert bei. In jeder Nachrichtensendung fließe mehr Blut als in jedem Death-Metal-Text, sagt er. So beschreibt „Daemons“ das eigene dunkle Ich, das einen beim Hassen beobachtet und sich fragt, ob die Wut nicht von jemand anderem beschworen wird. Gewalt als Faszination, doch weit davon entfernt, real zu werden.

Der schlechte Ruf des Death Metal ist Teil einer Pop- Strategie. Bands wie Sinners Bleed verstehen sich als Gegenkonzept zum Poppigen, zur Kommerz- Kultur von Viva und MTV mit seinen schnelllebigen Hits und einander ablösenden Retro- Trends. Metal soll dagegen „echt“ und verlässlich sein. Nur logisch, dass die Bekehrten dieser Nischen-Musik, die gegen den Mainstream rebelliert, dichter zusammenrücken. Der Zusammenhalt in der Szene ist groß, das Netz in Berlin dicht geknüpft. Hier arbeitet der Comic-Künstler Jan Oidium, hier bringt der I.P. Verlag Lexika über bestimmte Metal-Genres heraus, Labels wie Folter Records haben in Berlin ihren Sitz. Im Dreieck Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg finden sich zahlreiche Bars, in denen Metal gespielt wird – etwa das Access oder Paules Metal-Eck, als inoffizielle Zentrale das Jailbreak sowie der Konzert-Club K17. Die meisten härteren Bands in Berlin spielen Death Metal, gemeinsame Auftritte werden selbst organisiert und der jüngst erschienene erste „Berlin Extrem“-Sampler verteilt, der im Privatverlag herauskam. So treten Sinners Bleed am 18. März zusammen mit den Berlinern Harmony Dies und Akrival im K17 auf.

Was all die Gruppen eint ist die Wertschätzung fürs Handgemachte. Sinners Bleed etwa proben einzelne Songstellen stundenlang, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden sind – durch die verschiedenen Riffs, Melodien, „Schredder“-Parts und Stimmungen in einem Stück ein langwieriger Prozess. Gleichwohl ist Death Metal eine begrenzte Spielart. Keyboards sind verpönt. „Wir möchten unsere Mischung aus Komplexität und Eingängigkeit nur mit normalen Instrumenten weiter perfektionieren – das ist wir bei einem Kind, dass sich mit seinem immer größeren Wortschatz immer prägnanter ausdrücken kann“, sagt Gunnar Seifert.

Mit diesem Anspruch ist vor drei Jahren die bisher einzige Sinners Bleed-Platte „From Womb To Tomb“ entstanden. Überschwängliche Reaktionen in den einschlägigen Magazinen folgten. Beim renommierten „Inferno“-Festival im norwegischen Oslo, wo sie als erste deutsche Band überhaupt spielen durften, ernteten sie mit ihrem technisch-brutalen Sound begeisterten Applaus. Die skandinavischen Fans drehten durch, überall wirbelten lange Mähnen, die Leute schrien, sie sprangen sich an. Sie „moshten“, wie es im Szene-Jargon heißt.

Death Metal wirkt angesichts solcher Rituale gewalttätig. „Rauschzustand Konzert“, nennt Bettina Roccor in ihrem Heavy-Metal-Führer das extatische Gebaren. „Überwältigend“, sagt Sänger Jan Geidner über das damalige Gefühl. An genauere Details kann er sich wie fast immer nicht erinnern, hat er doch bei allen Auftritten genug damit zu tun, über die Bühne zu rennen und mit aggressiver Mimik ins Mikro zu brüllen. „Natürlich ist Show dabei“, gibt er zu. Aber nicht nur. Das Toben sei auch ein Ventil für die Aggressionen, die sich im Alltag ansammeln. Death Metal als Seelentherapie – wie es die neunte Sinfonie für Beethoven war.

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