SPIEL Sachen : Auf der Höhe der Zeit

Christine Wahl über den Liebreiz von Anachronismen

Christine Wahl

Mittelalterliche Ritter, Burgfräulein und historisch korrektes Lanzenstechen in ebensolcher Kostümierung sind so ungefähr die drei letzten Dinge, die man im hippen Kreuzberger Hebbel am Ufer erwartet. Schon allein wegen des Seltenheitswerts dürfte sich also der Besuch beim weißen Ritter Tirant lo Blanc im HAU 1 (27.-29.9., 19.30 Uhr) lohnen. Zweiter Grund: Da das katalanische Kulturgut von Calixto Bieito inszeniert wird, der sich bei einigen Feuilletonisten den Ruf eines Skandalregisseurs erworben hat (zum Beispiel, indem er Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in ein zeitgeistiges Bordell verlegte), ist keinerlei didaktische Mediävistik-Nachhilfe zu befürchten. Vielmehr hat Bieito angekündigt, mit seinem Ensemble vom Teatre Romea Barcelona aus dem alten Stoff – dem ersten Roman der katalanischen Literatur überhaupt – eine sinnliche Bühnenparty auf der Höhe der Zeit herauszuholen. Die ist denn auch gleichzeitig Startschuss für ein kleines, zum Buchmessenschwerpunkt passendes katalanisches Festival im HAU.

Weitaus geringere Aktualisierungprobleme als für Bieito dürften sich für den Volksbühnenschauspieler Milan Peschel aufgetan haben, als er am Theater an der Parkaue mit Einar Schleefs Bearbeitung des auch nicht direkt tagesaktuellen Märchens Vom Fischer und seiner Frau (22.9., 16 Uhr, 23.9., 11 Uhr) sein Regiedebüt gab. Dort nimmt die überraschende Chance zur Besitzanhäufung, ausgelöst durch einen eigenwilligen Zauberbutt, einem beneidenswerten Paar den Zwang, ständig über die eigene Beziehung nachdenken und vor allem reden zu müssen. Stattdessen kann die Gattin ihren lange zurückgehaltenen Aktionismus nun in der Auswahl von Edelklamotten und Immobilien kanalisieren: Ein durchaus gegenwartskompatibler Problemkomplex also. Davon, dass Peschel mit dem „Fischer und seiner Frau“ ein Kinderstück inszeniert hat, sollte man sich nicht weiter stören lassen: Ausgewachsene Kulturkonsumenten dürften bei dieser Arbeit mit lustigem Anarcho-Appeal mindestens genauso viel Spaß haben wie ihre minderjährigen Begleiter. Fakt jedenfalls ist: Wenn die Volksbühne im Moment irgendwo lebt, dann hier!

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