SPIEL Sachen : Casting in Onkel Murats Dönerbude

Christine Wahl macht eine Exkursion in den wilden Wedding

Christine Wahl

Mit Volksbühnen-T-Shirts und Hornbrillen waren die „Prenzlwichser“ Penelope und Claudio in Folge 30 der Theatersoap Gutes Wedding, schlechtes Wedding (GWSW) in besagten „Problemkiez“ eingefallen, um für ihr dokumentarisches Langzeit-Kunstprojekt „Zeit, Zeitlichkeit und Zeitempfinden“ authentische Hartz- IV-Empfänger zu casten. Die Ähnlichkeit zu real existierenden Personen und Produktionen ist natürlich rein zufällig. Was Wunder jedenfalls, dass die „Prenzlwichser“ im PrimeTimeTheater (Osloer Straße 16) dann ganze vier Episoden gebraucht haben, um mit ihrer sozialdramatischen Sozialrecherche aus dem Knick zu kommen: Alles andere wäre für ein Theater, das in seiner lustvollen Feier völlig überdrehter Klischees derart nah an der Realität ist wie das von Constanze Behrends und Oliver Tautorat, schließlich auch eine herbe Enttäuschung!

Aber: Wenn jetzt die Folge 34 gezeigt wird (23.-27.5. und 30./31.5., 20.15 Uhr), ist Das Drama der Prenzlwichser – so der Episodentitel – tatsächlich in voller intellektueller Pracht zu sehen. Selbstredend handelt es sich, wie das im zeitgemäßen Theaterjargon heißt, um eine site specific performance: Sowohl das Hartz-IV-Casting als auch die künstlerische Darbietung selbst finden in Onkel Murats Dönerbude statt. Und identifikationstaugliches Personal ist auch jenseits der elterlich subventionierten Zeit- und Zeitlichkeitskünstler Penelope und Claudio ausreichend vorhanden: Von der aus Sachsen eingewanderten Arbeitsamtsangestellten Heidemarie Schinkel über den Vokuhila-Postboten Kalle und den laut Eigenwerbung exklusiv auf die Frauenpsyche spezialisierten Therapeuten Doktor Philantropoulos bis hin zum Ex-IM Erkan.

Seit fünf Jahren macht das Team um Constanze Behrends und Oliver Tautorat nun schon unter dem Motto „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ aus Kiez-Dünkel im Allgemeinen und dem viel zitierten „Problembezirk“ Wedding im Besonderen eine überaus witzige Bühnen-Show: Sechs Schauspieler greifen in schätzungsweise 20 Haupt- und 40 Nebenrollen so tief, lustvoll und gekonnt in den Klischeetopf, dass man sich einfach totlacht. Und wenn sich die Theatersoap dann zum Saisonende auch noch übers hehre Theater à la „Zeit, Zeitlichkeit und Zeitempfinden“ hermacht, bleiben für den Bühnenfan eigentlich keine Wünsche offen. Er muss sich nur beeilen: Anfang Juni geht das PrimeTimeTheater in die Sommerpause.

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