SPIEL Sachen : Das goldene Herz

Märchenmotive haben Konjunktur in Familiendramen. Gerade erst ödete sich im Berliner Ensemble ein Mittelstandspaar unter Zuhilfenahme des Grimm’schen Nachlasses gewaltig an.

Christine Wahl

Es war der Feder Albert Ostermaiers entsprungen und wusste nach langjähriger Ehe so wenig miteinander anzufangen, dass zur Abwechslung ein Mädchen mit putzigem Käppchen über die Bühne springen und „Großmutter, was hast du denn für große Zähne?“ rufen musste. Gelegentlich rief der Gatte wacker: „Ich bin der Wolf.“

Die Lehre, die wir aus diesem gefühlten Fünfstünder „Blaue Spiegel“ in der Regie von Andrea Breth ziehen sollten, schien eine Art Begegnung mit den eigenen Dunkelregionen zu sein. Nun kann man sich darüber streiten, ob alle Menschen, die in ihre abgründigsten Fantasien hinabsteigen, dort auf die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm treffen. Aber man verlässt das Theater eben doch wohliger, wenn man nichts Schlimmeres vorfindet.

Bei der Tochter des Ganovenkönigs, dem preisgekrönten Kindertheaterstück des niederländischen Autors Ad de Bont in der Schaubude (Greifswalder Str. 81–84, Fr–So 20 Uhr), könnte das anders sein. Denn hier ist die Familien- gleichzeitig eine konkret gesellschaftskritische Geschichte. Bei dem für Jugendliche ab zehn empfohlenen Puppentheaterabend unter Susanne Olbrichs Regie steht ein zwölfjähriges Mädchen im Mittelpunkt, die den skrupellosesten Vater zum König hat, den man sich vorstellen kann. Dieser Mann macht sogar vor der Jagd auf die eigene Tochter nicht halt. Inmitten von Horror, Erpressung und Mord aufgewachsen, hat sie nämlich ein goldenes Herz – wonach der König giert. Scheint so, als wären die Märchenmotive in diesem temporeichen, scharfzüngigen Stück wesentlich besser am Platz als in der kleinen Ostermaier’schen Ehehölle.

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