SPIEL Sachen : Der Bogen ist gespannt

Christine Wahl über den Start des Theaters im Schokohof. Die erste Veranstaltung ist eine Gelegenheit, mal wieder grundsätzlich über freies Theater unter finanziellen Extrembedingungen nachzudenken.

Christine Wahl

Was Wunder, dass in finanziellen Krisenzeiten auch die Fördermittel für freie Theatergruppen und Spielstätten knapper werden. Jüngst wurde das Orphtheater aus dem Zuwendungstopf aussortiert. Dennoch beginnt es das neue Jahr mit einer Kulturoffensive – wenn auch zu gänzlich neuen Konditionen. Als Ensembletheater existiert der im Nachwende-Berlin gegründete und rasch etablierte Ort nicht mehr. Trotzdem, so verspricht der künstlerische Leiter Matthias Horn, werde man versuchen, in den gemütlichen Mitte-Hinterhaus-Räumlichkeiten weiterhin freie, spartenübergreifende Projekte „zu fairen Konditionen“ zu zeigen. Die Spielstätte wird von ehemaligen Orphianern unter dem Namen Theater im Schokohof (TISCH) weiter betrieben. Aufgrund des Fördermittelwegfalls können die Produktionen jetzt allerdings nicht mehr anteilig finanziell beziehungsweise materiell unterstützt werden.

Dafür bietet die erste TISCH-Veranstaltung eine Gelegenheit, mal wieder grundsätzlich über freies Theater unter finanziellen Extrembedingungen nachzudenken. Der Bogen ist jedenfalls gespannt: Eingeweiht wird die neue Ära mit einem Rückgriff auf die griechische Tragödie. Und an Identifikationsmaterial dürfte es auch nicht mangeln, wenn David Hannak sich in seiner Lesung in den Wahnsinn des Herakles nach Euripides hineinsteigert (Sonntag, 20 Uhr, Ackerstraße 169/170). Denn der Held befreit dem Mythos nach in zwölf ihm auferlegten Aufgaben à la Erlegung des Nemëischen Löwen oder Tötung der neunköpfigen Hydra die Menschheit zwar scheinbar von allen möglichen Bedrohungen. Für die TISCH-Belegschaft stellt sich allerdings die Frage, wie man realiter um weitere dramatische Schicksalsschläge des Protagonisten herumkommt. Schließlich bringt der im Wahn auch seine zunächst eigens gerettete Familie um.

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