SPIEL Sachen : Die Herren in den Stuhlkreis, bitte

Christine Wahl über die neuen Helden der Mehrarbeit

Christine Wahl

Verweigerung ist eine anstrengende Sache und künstlerisch betrachtet stand sie noch nie im Verdacht, sonderlich vital zu wirken. Der Regisseur Mathias Schönsee und die neu gegründete Truppe Babylon Works – ein Theater- Produktionspool aus Schauspielern, Tänzern, Bildenden Künstlern, Choreografen, Autoren und Regisseuren – tritt im Goldenen Saal des Tacheles nun den Gegenbeweis an. Mit ihrem Crossover aus Text, Musik und Tanz, bei dem Konkurrenzkrämpfe am Arbeitsplatz gern mal via Saxofon, Violine oder E-Gitarre gelockert werden, stellt das multinationale Ensemble Herman Melvilles höflichen Verweigerungsklassiker Bartleby (22.-24.2., 20 Uhr) auf den Prüfstand: Wie hat’s der alte Kanzleischreiber aus dem Jahr 1853, der nach anfänglichem Ehrgeiz die Bitten seines Arbeitgebers zunehmend mit dem Satz „Ich möchte lieber nicht“ quittiert, mit der Leistungsgesellschaft anno 2008?

Wir befinden uns in einer weiblich geführten Firma, deren Chefin über handverlesene soft skills verfügt, ihre Frühstückspause für Sonnengrüße nutzt und beim geringsten Anzeichen für gruppendynamische Verstimmungen wacker Stuhlkreise einberuft. Toll an Schönsees Inszenierung ist, dass sie – ihrem verschrobenen Helden gemäß – geboten schräg bleibt. Allerdings steht zu befürchten, dass die Produktion zu einer neuen Praktikantenschwemme führt – so hinreißend, wie die Schwedin Helga Wretman als unbezahlte jugendliche Kanzleikraft Ingwer wechselweise die exzessive Feierabendtänzerin und die großäugige Befehlsempfängerin gibt, die sich von Kollegen schon mal durch die Luft werfen lässt und lässig im Spagat landet! Es sei denn, aus der Generation Praktikum wird eine Stuhlkreisverweigerungsbewegung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar