SPIEL Sachen : Ein Herz aus Gold

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Die Popularität der Königstochter, Migrantin, betrogenen Ehefrau und Kindsmörderin Medea ist ungebrochen. Regisseurin Barbara Frey ließ sie vor einigen Jahren am Deutschen Theater in einer Art Fernsehkasten mit Küchenzeile zeitgeistige Ehetrübsal blasen. Bei David Bösch agierte sie am gleichen Theater zwischen Waschmaschine und Wäschetrockner. Und Volker Lösch besetzte sie in Stuttgart mit 16 Frauen aus der türkischen Community.

Im Theaterdiscounter fragen nun die beiden Regisseurinnen Anna K. Becker und Katharina Bischoff von der Formation „bigNOTWENDIGKEIT“ nach dem „Identifikationspotenzial der Medea im 21. Jahrhundert“. Unter dem Motto „keep on searching for a heart of gold“ (23. 6., 19 Uhr, 24./25. 6., 20 Uhr) schicken sie drei Schauspielerinnen, die dezidiert „keine Medea sind“, auf die Recherche-Spur. Das Konzept ist schlau: Wo frau von vornherein nicht vorgibt, sich mit der Mythenfigur zu identifizieren, die durch psychologische Einfühlung in der Regel verkleinert wird, bleiben Perspektiven für intellektuelle Annäherungen. Die Akteurinnen Esther Becker, Anna-Katharina Müller und Sahar Rahimi werden sich zusehends in Widersprüche verstricken, antikes Pathos entdecken, Schuldfragen neu aufwerfen und mit Kategorisierungen wie Gut und Böse produktive Probleme bekommen.

Leichter dürfte es in der Folgeproduktion „Kill Your Darlings“ zugehen (27. 6., 19 Uhr). Dort plädieren die beiden Regisseurinnen „für die Verschwendung, das Unfertige, Widerspenstige, kurzum für Leftovers“. Jede großartige Idee, die wegen einer Quote abgesägt wird, jedes irrationale Opfer, das rationalen Entscheidungen zum Opfer fällt, wird da gefeiert. Auf der Bühne verfolgen sich zwei Schauspielerinnen und ein Überraschungsgast selbst beim Rausschmiss der eigenen Ideen. Eigentlich müsste die Überschuss-Feier zum besten Kreativabend der Saison werden.

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